Life Lecture – Tryouts in London

Mai 22nd, 2011

Im dritten Teil des Interactive-Science-Forschungsprojektes „Der wissenschaftliche Vortrag und seine digitale Dokumentation und Distribution“ werden derzeit innovative Online-Lecture-Setups getestet. Aufgrund der Erkenntnisse der ersten beiden Projektphasen liegt der Fokus in dieser Testphase auf der Frage, ob und wie das Internet dazu beitragen kann, das Vortragen als eine kollektive und kollaborative Praxis zu entwickeln.

In der Londoner Live-Art-Development-Agency haben nun drei Tryouts der Website „Life Lecture“ stattgefunden, die im Rahmen des Projekts in Zusammenarbeit mit dem Künstler Joshua Soafer konzipiert und produziert wurde.

„Life Lecture“ ist eine Website, die es einem Publikum zum Beispiel im Rahmen eines Seminars, eines Workshops oder einer Vorlesung mittels online abrufbarer Fragen und Instruktionen ermöglicht, live, spontan und kollektiv einen Vortrag zum Thema Autobiographie zu halten.

Bei den Tryouts in London wurde die Website in einem Workshop für Doktoranden, einem Workshop für Studienanfänger und einer offenen Abendveranstaltung für künstlerisches und wissenschaftliches Publikum erfolgreich getestet. Ein weiterer Test wird am 27.5. im Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Uni Gießen im Rahmen des Seminars „Medien des Vortrags“ stattfinden.

Am 7.7. wird die Website im Rahmen der abschließenden Vortragsreihe des Interactive-Science-Forschungsverbunds offiziell online gehen und öffentlich präsentiert werden. Hier der Ankündigungstext:

“Der Vortrag im Web 2.0 – das ist ein Widerspruch in sich, gilt doch der Vortrag als das One-to-Many-Format schlechthin, als ‘Frontalunterricht’. Im Web 2.0 kommunizieren dagegen alle mit allen; die Many-to-Many-Kommunikation scheint die One-to-Many-Formate abzulösen. Dennoch haben Online-Lectures Konjunktur: Im Rahmen von E-Learning-Umgebungen, auf Wissenschafts- und Videoplattformen werden Vorträge heute massenhaft audiovisuell dokumentiert und online zur Verfügung gestellt. Wie verändert sich die Performance des Vortrags durch diese mediale Transposition? Bietet die Digitalisierung eine Chance, den Vortrag selbst als Many-to-Many-Kommunikation neu zu entdecken? In der abschließenden Phase des Interactive-Science-Projekts III wurden Prototypen kollektiver Online-Lectures entwickelt. In diesem Rahmen ist auch die “Life-Lecture” des Künstlers und Theaterwissenschaftlers Joshua Sofaer entstanden, eine interaktive Online-Lecture über Autobiographie, die im Rahmen des Vortrags gemeinsam mit dem Publikum getestet werden soll.”

Erster Pilotversuch in Sachen ‘kollaborative Online-Lecture’

April 19th, 2011

Im dritten Teil des Interactive-Science-Forschungsprojektes „Der wissenschaftliche Vortrag und seine digitale Dokumentation und Distribution“ werden derzeit innovative Online-Lecture-Setups getestet. Aufgrund der Erkenntnisse der ersten beiden Projektphasen liegt der Fokus in dieser Testphase auf der Frage, ob und wie das Internet dazu beitragen kann, das Vortragen als eine kollektivere und kollaborativere Praxis zu entwickeln.

Im April wurde nun der erste praktische Test abgeschlossen: ein Pilotversuch mit zahlreichen Beteiligten über vier Monate. Im Mittelpunkt des Versuchs stand ein Blog, der eine heterogene Gruppe von Beteiligten miteinander vernetzte, die drei Monate lang an einem gemeinsamen Thema forschte und arbeitete. Das Besondere daran: Das Blog diente nicht nur allen dazu, Recherche-Materialien einzustellen und miteinander zu teilen, sondern hatte zugleich eine konkrete Funktion in der Vorbereitung auf die gemeinsame Abschlusspräsentation, die am Ende der Forschungsphase stand. Mittels des im Rahmen des Projekts entwickelten digitalen Vortragslabors, eines Greenscreen-Setups konnten die Posts im Blog zugleich unmittelbar als Hintergründe, Anschauungsmaterial bzw. Slide/Folie für die Abschlusspräsentation genutzt werden. Das Blog dient drittens auch als Publikationsort für die dokumentierten Abschlusspräsentationen selbst.

Der Pilotversuch wurde durch eine Kooperation mit dem FUNDUS THEATER Hamburg möglich, in dessen Forschungstheater das digitale Vortragslabor drei Monate lang installiert war. Die konkreten Ergebnisse dieses Versuchs sind nun online zu sehen:
Vier WissenschaftlerInnen, vier KünstlerInnen und drei Schulklassen untersuchen im Austausch miteinander, was Lösungen in ganz unterschiedlichen Bereichen von Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft ausmacht und was sie verbindet. Was macht eine Lösung zur Lösung?

Aus der Sicht des Interactive-Science-Projekts III wurde im Zuge dessen exemplarisch untersucht, ob die gemeinsame Nutzung eines Blogs vor, während und nach der Präsentation den Austausch sowie den Erkenntnisprozess zwischen den Beteiligten befördert und entsprechend auch für die wissenschaftsinterne Kommunikation – etwa für Konferenzen – geeignet ist.

Derzeit läuft im Rahmen des Interactive-Science-Projekts III der zweite Pilotversuch zum online-gestützten kollektiven Vortragen. Eine Auswertung beider Pilotversuche wird im Rahmen der Interactive-Science-Vortragsreihe des ZMI am 7. Juli 2011 präsentiert.

Video-Dokumentation der 2. Meilenstein-Tagung des Forschungsverbunds Interactive Science

Januar 20th, 2011

Wie verändern sich wissenschaftliche Präsentationen durch die Digitalisierung – sei es durch Präsentations-Software oder durch die Verbindung zum Internet?
Im Rahmen der Tagung “Wissenschaft auf neuer Bühne. Funktion, Struktur und Wirkung von Präsentationen in der Wissenschaft” hat das Zentrum für Medien und Interaktivität der Universität Gießen eine neue Form der Tagungsdokumentation erprobt und kurze Zusammenfassungen aller Tagungsbeiträge online zusammengestellt:

The Research/Presentation-Divide and the Lecture as Performance

September 15th, 2010

Der folgende Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrags, den ich am 2. September auf der Tagung der European Association for the Study of Science and Technology in Trento (I) gehalten habe.

The Lecture as Performance

Today I will tell you about a research project, that is concerned with the question, how digitalization is changing the ways, knowledge is presented, mainly regarding the format of the lecture. Coming from a theatre studies point of view the project combines scientific and artistic approaches.

The project is the final part of a longterm research on lecture scenarios throughout the last 300 years. We generally focus on the relation between presenting knowledge and wider historical concepts of knowledge, to find out how the presentation and the production of knowledge are linked. Dealing with digitalization we now search for dominant parameters of present lecture scenarios.
We basically understand a lecture as performance – as a specific combination of ‘show’ and ‘tell’/(watching and listening) that can be described along categories of performance-analyze such as space, time, persona, media and public. We started by investigating how digital devices and programs like powerpoint are used in lectures:

Then we examined the documentation and distribution of lectures online.

If a lecture scenario is transposed in a new media environment like an online-lecture-platform the combination of show and tell is reframed and effectively refigurated. Many online lectures happen to be quite tedious, because they don’t take this reframing into account. Thus to analyze possible constellations of ‘show and tell’ in a digitized environment we include methods of artistic experimentation: We, for example, designed a digital ‘lecture lab’ consisting mainly of an online-connection and a green screen setup. This allows us to produce online lectures, in which the lecturer appears in the same picture as the online-content he or she is talking about. It looks like this: …..

Sibylle Peters: online/offline – über die Zukunft des Vortrags als Performance from Two Antennas on Vimeo.

With the setup in the lecture lab we defamiliarized the usual constellation of lectern and screen and tried to encourage self-experimentation in regard to the means of the digital presentation. Within artistic research this technique of defamiliarization and self-experimentation is a very common approach. Nevertheless it turned out to very discomforting for our only-science-colleagues, even though they were experts into the topic of knowledge presentation.

The Research/Presentation-Divide

This points to a main difference between artistic and scientific research: Within science, research and presentation are two different things – research first, presentation second. And this rule even applies if the presentation of knowledge is the very topic of research. In the performing arts, on the other hand, this is utterly different; to try and find a way to present a topic is a main part of the research into that topic. I would like to call this the research/presentation-divide in between arts and sciences. It is due to this divide that in artistic research you often only after the presentation find out, what actually has been demonstrated here, (which in the end might in part be true for scientific experimentation, too, but is not acknowledged in scientific protocols.)
So, what has been demonstrated in the online-lecture just seen: The online content you can see behind me on the screen is actually not selected by myself, but shows the screen of a collaborator who is surfing the web while listening to my lecture the first time. The result you see in this recording can be seen as an enlarged version of a situation, that is currently becoming common in lecture scenarios. In a wifi-environment students or listeners at a conference as a rule are connected to the web (my younger web-wizard-colleagues talk of the need to connect to the collective consciousness of the web). They follow a lecture by searching the web, checking facts, discussing points in chats or following diversions triggered, or not even triggered by the lecture. As a result there is a kind of competition, a sometimes closer, sometimes looser correspondence between the content, the lecturer tries to convey, and the web.
Facing this picture it dawned on us, that this very competition is not only taking place within specific lecture scenarios in wifi-environments, but also on a much larger scale: the level of cultural concepts and formats. Traditionally a lecture (among other functions) is meant to make knowledge accessible. For example: The lecturer – as ‘the one who is supposed to know’ – is initiating the audience to a certain field of knowledge by referring to things selected from archives, libraries and labs, interpreting them and putting them into context. Here the lecture scenario functions as an interface in between the audience and the more or less exclusive and hermetic spaces of knowledge production like archives or labs.
Today now, for most of its users the web seems to combine the function of archives and collections with the orientating interface-function of the lecturer; the web much more then the lecture is what makes knowledge accessible today. Thus the lecturer as ‘the one who knows’ has a new competitor: the open collective that constantly enriches and rearranges the content of the web and informs the operations of search engines within each online action. The changes of knowledge presentation induced by digitalization are not merely about the actual use we make of powerpoint or online-lecture-platforms. Instead the presentation of knowledge changes generally in accordance to the way digitalization changes our concepts of knowledge.

Regarding this it is significant, that the web is the first media-environment that is able to integrate the lecture as such in its database. Traditionally lectures were storable and reproducible as texts, not as lectures. The lecture principally stayed in a meta-position towards other media: All kinds of media have been part of lecture scenarios, whereas lecture scenarios themselves were hardly ever mediated or archived. As an interface the lecture scenario couldn’t be included into the database it was providing access to. With the current boom of online-lecture-platforms and presentations these times are over. Effectively the lecture scenario of the present is a scenario under pressure. Under a pressure that is questioning the research/presentation-divide itself. In fact it’s been two hundred years since the lecture has been criticized as severely as it is nowadays.

Two hundred years ago the function of the lecture changed, because improved printing techniques and markets made books generally available, so it didn’t seem to make sense to read them aloud in class anymore. The function of the lecture had to be redefined. In the course of this redefinition the lecture at around 1800 became conceivable as a performance. And this is exactly what happens again today: The lecture is questioned in its function and thus becomes conceivable as a performance. In other words: To see the lecture as a performance forms a matrix for its transformation. But where is this transformation heading to today?

Presenting the Presentation

We can say for sure today, that economical parameter play an important part in this transformation. Most people do not understand the performativity of lecturing and presenting knowledge in a ‘theatre studies’-kind of way, but rather economically in the sense of terms like ‘bad performance’ or ‘high performance’.

The slogans of online-lecture-platforms speak their own language: Here, you are encouraged to “Broadcast yourself” and “Make your research known” – meaning: make yourself as a researcher known by integrating your recorded lectures into your online profile. As a result in the lecture scenario of the present, it is no longer mainly the lecturer – as ‘the one who knows’ – who is presenting the lecture; more often the lecture is meant to present the lecturer. We call this dominant figuration of current lecture scenarios ‘Presenting the Presentation’.

It can be traced even into details of this lecture here: In a powerpoint-presentation like this one I myself am no longer the presenter. Instead, what technically is called ‘the presenter’ is this little thing here, that by a click is connecting the live-presentation to the digital presentation.

And those two presentations are presenting each other vice versa.

Not only am I presenting live the digital presentation, the digital presentation is also presenting me as I am presenting.

A figuration of knowledge nourished by this structure is that of personal exemplarity. You can observe its power in the most successful online-lecture-platform of the web, the platform of the TED-conference:

Who is presenting here (presenting in a presence, that can go on for several years) does not only have an “idea worth spreading”, but is inclined to talk about his life and work as exemplary, as an example for what he/she is talking about, and as an example meant to motivate the audience to follow it.

In what we conceive today as the performativity of the lecture new lecture scenarios are in the making, which are going to define how we will have to present, and thereby also understand, knowledge tomorrow. We found evidence that these new lecture scenarios are likely to be bound to economic dispositifs like motivation and application (as in apply for a job). These dispositifs form an economy of attention, that is based on scarcity and is taking over parts of the knowledge system.

New collaborations between artistic and scientific research

Keeping this rather dark prognosis in mind I would like to talk now about chances related to this current transformation of lecture scenarios – chances for a new encounter and cooperation in between scientific and artistic research:
As we all know within the world of science there are strong doubts about ‘so called’ artistic research. As the scientist and as the artist I am, I can understand these doubts. And I think that they are mainly related to what I called the research/presentation-divide.

There are good reasons for this divide and for the doubts connected to it: In differenciation the research itself from its presentation science was able to gain autonomy and protect processes of knowledge production, at least in part, against a whole series of claims from outside of the knowledge system. To divide research and presentation once enabled modern science to take of. From this viewpoint the artistic approach, to experiment with the conventions of presentation, looks rather naïve. It simply doesn’t seem to take into account the important function of these conventions as part of the protective divide.
Moreover approaches within ‘artistic research’ have referred to the research/presentation-divide itself in a problematic manner: From an artistic perspective the claim ‘to do research’ has often been brought in opposition to the pressure of production, the pressure to present a work as the result of an artistic project. By borrowing terms like ‘experiment’ or ‘lab’ from science, artistic practices tried to evade the pressures of artistic production, basically by denying to show results in favour of making people share artistic experimentation itself. These attempts have been influential and important. Nevertheless they generally tend to underestimate, that the inner relation between presentation and research is crucial to artistic research. This is at risk, whenever artistic approaches refer to research activities in opposition to the presentation of results. And if this crucial relation isn’t acknowledged artistic research necessarily falls short compared to scientific research. In other words: There is no artistic research without presenting results, though the focus is here on the performance of presenting more then on the results, as any presentation is a main part of the research itself and so the result presented can never be the final result, yet.

Taking this into account the current transformation of lecture scenarios and the performativity of the lecture can be seen as a chance to get rid of a few misunderstandings in between artistic and scientific research and to find new forms of cooperation:
First, from the viewpoint of science, the problem is, that we currently just do not face the alternative of clinging to conventions or experimenting with them. Instead it is becoming evident that these conventions are transformed anyway – with or without us intervening. And currently they seem to be transformed in ways which are possibly threatening the autonomy of knowledge production – the very autonomy, that was meant to be protected by the research/presentation-divide in the first place. And second, from the viewpoint of artistic research, to concentrate on the lecture as performance means to concentrate on the very own strength of artistic research, the re-entries of presentation into research. Regarding this strength artistic views on the practice of knowledge presentation can provide an alternative: By understanding the lecture as a scenario, in which the presentation of knowledge turns into a part of knowledge production, artistic approaches point towards future lecture scenarios not governed mainly by economic conditions like motivation, application or sellout.
Quite a few performing artists are interested in questions of knowledge production these days. These performing artists are not only useful as trainers or the conference-evening-program. They are experts in the experimental transformation of presentations and in producing chances for research through the means of presentation.
So, in the current last stage of our research project, we try to bring scientists and artists together to intervene into the current transformation of the lecture. A main starting point for these experiments is the current transformation of the traditional persona of the lecturer as ‘the one who knows’. Instead of redefining the lecturer as someone who motivates, who is presented and presents himself, who applies for something, etc. we see this as a chance to develop collective forms of lecturing. These forms make use of the web without giving up on the lecture in favor of the web. If the lecturer is competed by the open collectives of the digitized world, why not search for ways of lecturing that would be suitable for this collective to enter the stage of a lecture theatre?

(We currently work on the project “Life Lecture” together with the performance artist Joshua Sofaer. More about this collaboration, soon…)

Between Presentation and Research: The Lecture as Performance

Februar 28th, 2010

Das folgende Abstract habe ich für die Jahrestagung der europäischen Science Studies verfasst. Es stellt aktuelle Überlegungen aus meinem Forschungsprojekt vor.

Science Studies have argued that the material, the social and the performative aspects of knowledge production are not secondary but crucial to the process of innovation and insight. Does this also apply to forms of knowledge presentation?

From the viewpoint of scientific tradition research itself and the public presentation of its outcomes are two different things – research first, presentation second. In the performing arts this is different; here, research is deeply intertwined with presentation: Artistic research is part of the process of preparing a public presentation. And vice versa the presentation itself is a main part of the research process, a test-scenario.

As long as ‚the lab’ and ‚the experiment’ have been the main terms and forms ‚borrowed’ from science to describe artistic research, this difference caused misunderstandings: Artistic research necessarily falls short compared to scientific research, if the inner relation between presentation and research, that is crucial to research in the performing arts, isn’t acknowledged.

This makes it an important shift that in recent years the lecture has become a format of artistic investigation and intervention. From the viewpoint of science the lecture is not a form of knowledge production but merely a form of knowledge presentation. To investigate the lecture as performance means to question this traditional gap between research and presentation. Concentrating on the lecture artistic research can show that the presentation of knowledge re-enters knowledge production. By means of performance studies and performative intervention these re-entries can be specified and modulated.

So, what is at stake in the emergence of the lecture performance between art and science? Lecture performance should not be about improving the performance of scientists as lecturers. Neither should it be about artists making scientific matters understandable and popular through lecture performances. It should be about the part presentation plays within knowledge production itself.

The daily practice of lecturing is subject to change. Why not make theses changes a common focus of attention for art and science? Currently many of these changes are related to the web 2.0: On web-2.0-platforms we find huge amounts of lectures documented not as texts but as performances. At the same time the web is becoming a tool for the production of lectures. Online-chats or services like twitter enable audiences to give live-feedback within the lecture-setting; co-lecturers can contribute online to live-lectures; transitions between ‚live-lectures’ and ‚online-lectures’ are evolving.
Regarding the lecture as performance artists and scientists together can try to transform lectures into an interactive setting of collective knowledge production.

Neue PowerPoint-Debatte in der SZ

Dezember 30th, 2009

Zum Jahreswechsel hatte ich mir Zeit genommen, um an meinem Buch “Der Vortrag als Performance” zu arbeiten. Da ereilte mich eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung, ob ich etwas zur neu entfachten PowerPoint-Debatte beitragen möchte. Hier mein Artikel, der am 28.12.2009 unter der Überschrift “Wir Schauspieler” in etwas gekürzter Form in der SZ erschienen ist. Die darin besprochenen Beispiele sind natürlich im Netz auch anzusehen!

Performances des Wissens

Was ist ein ‚presenter’? Laut englisch/deutschem Wörterbuch kommt da einiges in Frage: ein Geber, ein Ansager, ein Moderator, ein Präsentator eben. Auf Wikipedia (deutsch) findet sich dagegen ausschließlich folgende Bedeutung: „Ein Presenter (Engl. to present … präsentieren) ist eine Fernbedienung zur Steuerung eines PCs während eines Vortrages. Er wird meist benützt, um eine mit einem Beamer gezeigte Computerpräsentation wie Powerpoint zu steuern…“ Vom Präsentator zum Schalter – mit PowerPoint?

PowerPoint scheint weiterhin zu polarisieren – dies zeigen auch die jüngsten Beiträge von Thomas Steinfeld und Henning Lobin in dieser Zeitung: Das allgegenwärtige Präsentations-Programm, so Steinfeld, sei ein „Instrument, dessen Formalismen dem Totalitarismus einer ökonomischen Weltanschauung entsprechen“ und solchermaßen am Untergang der abendländischen Redekultur mitschuldig. Der Linguist Lobin hält – im Rekurs auf die Soziologen Knoblauch und Schnettler – dagegen, PowerPoint sei das „vereinfachte Basis-Idiom der Wissensgesellschaft“ und diene einem wachsenden Bedarf vor allem in gesellschaftlichen Bereichen, die die Verfechter klassisch-elitärer Vortragskultur notorisch nicht auf dem Schirm hätten.

An PowerPoint kristallisiert sich eine auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklung: Der Aufstieg der so genannten Wissensgesellschaft entmachtet zuweilen gerade die traditionellen Hohepriester des Wissens. Der klassische wissenschaftliche Vortrag ist heute nicht mehr das maßgebliche Modell für Wissenspräsentationen. Das Diktum “It’s not your presentation. It’s your presentation of a PowerPoint presentation” zeugt von einem Gefühl der Enteignung, das aus wissenschaftlicher Perspektive durchaus den Tatsachen entspricht: Im Boom der Wissensgesellschaft fällt das überkommene Monopol der Wissenschaften auf Erkenntnis. Dabei verändert sich allerdings zugleich das, was uns als Wissen gilt. Lyotard prognostizierte bereits 1980: Wissen wird performativ. Es legitimiert sich nicht mehr in erster Linie durch die Verfahren seiner Entstehung, sondern im Verweis auf sichtbare Leistung, Wirkung, ‚high performance’.

Die PowerPoint-Präsentation ist ein Schauplatz dieses Umbruchs, und bietet als solcher nicht nur die Möglichkeit, die Entwicklung en detail zu untersuchen, sondern womöglich auch die Chance, en detail zu intervenieren. Kommen wir also zurück zum Detail, zum Presenter: Tatsächlich, in der Welt von PowerPoint ist der Presenter nicht mehr der Vortragende, sondern ein Schalter. Im Augenblick des Schaltens verbindet er zwei Präsentationen: meine und die im Rechner bzw. auf dem Schirm. Presenter heißt der Schalter, weil dabei immer zweierlei geschieht: Der Vortragende präsentiert seine Präsentation, zugleich präsentiert die Präsentation umgekehrt aber auch den Vortrag. Betritt der Vortragende die Szene, betitelt die Präsentation mittels der ersten Folie bereits seinen Auftritt. Mit jedem Klick präsentieren sich im Folgenden Rede und Folie wechselseitig.

Dass hier das eigentliche Skandalon der Präsentation liegt, daran lassen Virtuosen des Genres (doch, es gibt sie) keinen Zweifel. PowerPoint-Stars wie Lawrence Lessig oder Dick Hardt machen es nicht unter 20 Folien pro Minute. Rede und Folie geben sich wechselseitig einen frenetischen Takt an. Manchmal zeigt die Folie dabei nichts anderes, als das soeben gesprochene Wort, zum Beispiel „start“ oder „never“. Inszeniert wird so das Jetzt des Präsentierens im Moment des Klicks. Mit der vielgescholtenen Redundanz von Folie und Rede hat das nichts zu tun. Hier geht es nicht um Bullet Points. In dieser Hinsicht ist auch die Forschung ein gutes Stück weitergekommen: Kennzeichnend für ‚PowerPoint’-Präsentationen ist entgegen der landläufigen Meinung, dass im Vorhinein nicht festgelegt ist, wie Sagen und Zeigen zueinander stehen – weder durch Software, noch durch Konvention. Wie sich Rede/Aktion und Folie zueinander verhalten und was dabei jeweils die Szene der Präsentation insgesamt dominiert, steht bei jedem Klick erneut in Frage. Und vielleicht besteht die hohe Kunst des Präsentierens genau darin, dieses Verhältnis so virtuos zu variieren, dass wir überrascht sind, was sich zwischen Sagen und Zeigen alles ereignen kann.

Dick Hardt beginnt seine berühmte Präsentation ‚Identity 2.0’ mit einer Vorstellung seiner Person. Er zeigt eine schnelle Serie von Logos, Karten, Fotos, Worten, die der Rede auf den ersten Blick nichts hinzufügen und doch seriell anzeigen, in welchen konkreten Formen uns Identität heute (beim Googlen) entgegenkommt. Im wechselseitigen Verweis von Folie und Rede wird Hardts Performance schließlich selbst zu einem schlagenden Beispiel dessen, wovon unter dem Stichwort ‚Identity 2.0’ die Rede ist.

Müssen wir auf der Bühne der Präsentation also alle zu perfekten Performern werden? Aus der Perspektive der Performance Studies verbirgt sich in dieser Annahme ein grundlegendes Missverständnis: Anders als uns das ökonomisch geprägte Konzept von Performance weismachen will, ist ein Performer gerade kein Souverän, der die Szene beherrscht. Er ist vielmehr Teil einer Szene; in seiner Performance zeigt sich grundsätzlich mehr und anderes, als gezeigt werden soll. Das gilt auch für die PowerPoint-Performance: Sie wird nicht nur vorgeführt, sondern führt immer auch vor –im Zweifelsfall den Vortragenden. Dies ist die Crux: PowerPoint verspricht die Beherrschung aller Mittel und öffnet dabei doch zugleich eine Szene, auf der der Vortragende zwangsläufig zur Figur wird. Eine Steilvorlage für Kritik, die um so boshafter ausfällt, je weniger sie diesen Wesenszug von ‚Performance’ reflektiert.

Das ambivalente Potential von PowerPoint als Performance des Wissens wird dabei schnell übersehen:
Einerseits dient sich die doppelte Struktur der Präsentation durchaus einem ökonomischen Kalkül an. Denn sie ermöglicht, Wissen zu vermitteln und zugleich die Wirkung dieses Wissens in der Performance des Präsentierens selbst in Szene zu setzen. Der Extremfall dieser Präsentationsform ist der ‚Motivational Trainer’, der die positive Wirkung des von ihm vermittelten Erfolgswissens im Erfolg seines Auftritts selbst zu beglaubigen sucht.
Andererseits kann die Präsentation der Präsentation, gerade weil sich in ihr mehr und anderes zeigt, als gezeigt werden soll, auch als experimentelles Szenario verstanden werden. Darin liegt eine Chance, auf die aus der Perspektive der Performance Studies nicht häufig genug hingewiesen werden kann: Bislang galten Forschung und Vermittlung in der Welt des Wissens als getrennt, die Forschung als primär, die Vermittlung als sekundär. Begreift man die Präsentation von Wissen jedoch als Performance, wird sichtbar, welchen Anteil sie an der Entstehung von Wissen hat. Und damit wird die Performance des Wissens potentiell zum Forschungslabor.

Wie das aussehen kann, zeigen beispielsweise die Lecture-Performances des Humangeographen und Künstlers Armin Chodzinski. In seiner jüngsten Arbeit „How to succeed in buisness with…lecture“ agiert er in einem von PowerPoint-Folien definierten, virtuellen Bühnenraum, der es ihm erlaubt, seine Sprecherposition im Wechsel von Analyse und Selbstversuch in Frage zu stellen. Welche Rolle spielt die Inszenierung der Person in der ökonomisch-geprägten Präsentation von heute? Um das zu klären, seziert Chodzinski nicht nur Performances von Dick Hardt und Kollegen. Die Zuschauer sind zugleich eingeladen zu beobachten, inwiefern Chodzinskis eigene Performance den untersuchten Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Die Präsentation wird zur Teststrecke: Per Karaoke-Auftritt legt Chodzinski schließlich am eigenen Leibe das ‚Sehnsuchtsmoment’ offen, das die ökonomische Inszenierung des Ichs antreibt, und macht uns damit zu Zeugen eines Fluchtversuchs mit offenem Ausgang.

(für das Video siehe die Dokumentation der Tagung “Die Performance der Lecture im Netz” in diesem Blog / scroll down)

PowerPoint-Präsentationen wie diese machen bereits von der Erkenntnis Gebrauch, dass wir es hier nicht nur mit der Vermittlung gegebenen Wissens zu tun haben – sei sie gelungen oder nicht, sondern mit einem experimentellen Szenario, in dem zwischen Sagen und Zeigen, Sehen und Hören Wissen entsteht. So verstanden kann die PowerPoint-Präsentation am Ende mühelos an beste Traditionen rhetorischer Hochkultur anschließen. Denn auch für diese Performance des Wissens ist geltend zu machen, was Wilhelm von Humboldt bereits 1809 über jene Art des Vortrags sagte, die damals für die Einheit von Forschung und Lehre einstehen sollte: „Es wäre unbegreiflich, wenn man nicht hier, sogar oft, auf Entdeckungen stoßen sollte.“

Artikel in faz.net

November 11th, 2009

Am 10.11. erschien in der Internetausgabe der FAZ ein Artikel über meine Online-Vortragsforschung, vermutlich in Reaktion auf meine Publikation in der neuen Zeitschrift für Medienwissenschaft. Ich freue mich über die unverhoffte öffentliche Wahrnehmung, auch wenn ich mich den Schlüssen des Autors nicht immer anschließen kann. Wie das Thema Online-Vorträge ausführlicher und konstruktiver zu verhandeln wäre, darüber gibt zum Beispiel die Dokumentation des Kolloquiums “Die Performance der Lecture im Netz” in diesem Blog Aufschluss.

Die Performance der Lecture im Netz – Dokumentation

November 2nd, 2009

Durch die hohe Anzahl an Flashplayern kann das Laden der Dokumentation eine Minute dauern. Wenn einzelne Videos beim ersten Laden des Blogs nicht angezeigt werden sollten: Einfach noch einmal laden, dann erledigt sich dieses Problem.

Die Tagung „Die Performance der Lecture im Netz“ war eine Versuchsanordnung, eine Werkstatt für die Analyse und die Produktion von Wissenspräsentationen im Netz:
In der Halle P1 auf Kampnagel (Theaterfabrik in Hamburg) standen sich ein Greenscreen mit einer kleinen Rednerbühne und eine Projektionsfläche gegenüber. Die Vortragenden präsentierten ihre Beiträge vor dem Greenscreen.

vortragslabor2
Ulrike Bergermann vor dem Greenscreen, Foto: Marc Scheloske

Sie zeigten dazu in erster Linie Online-Inhalte – Websites, Bilder und Videos. Auf der Projektionsfläche wurden die Aufnahme des Greenscreens und die Screen-Inhalte des für die Präsentation genutzten Rechners ineinander geblendet. Auf diese Weise standen die Vortragenden während ihrer Präsentation in gewisser Weise ihrem Spiegelbild gegenüber, das vor beziehungsweise inmitten den präsentierten Inhalten erschien. Auch der Twitterfeed zur Tagung wurde in das Bild eingeblendet, sobald sich hier aktuelle Einträge fanden.

vortragslabor
Die TwoAntennas vor der Projektion, Foto: Marc Scheloske

Die Online-Videos geben dieses gespiegelte Bild wieder; sie zeigen also genau das, was Vortragende und TeilnehmerInnen im Moment der Präsentation selbst auf der Projektionsfläche gesehen haben, zeigen jedoch gerade nicht die mediale und räumliche Anordnung der Tagung selbst: Zwischen Greenscreen-Bühne und Projektionsfläche fand das Geschehen der Tagung statt – die Tagungsteilnehmer saßen meist an Tischen und hatten die Möglichkeit über Wlan ebenfalls online zu gehen.

Die Versuchsanordnung hatte im Hinblick auf das Tagungsthema folgende Ziele:

Online gestellte Mitschnitte von Vorträgen übertragen die Beziehungen von Sagen und Zeigen, die ein Vortragsszenario auszeichnen, in ein neues Medium. Die damit einhergehenden Probleme werden selten befriedigend gelöst, und zwar schon deshalb, weil diese Beziehungen nicht ausreichend reflektiert und in den Fokus genommen werden, aber auch weil jede mediale Übertragung diese Beziehungen zwangsläufig de- und refiguriert.

Die vorliegende Versuchsanordnung bringt mittels der Greenscreen-Technik das, was gesagt wird und das, was gezeigt wird, in dasselbe Bild. Sie beansprucht nicht, damit eine hinreichende Lösung für das skizzierte Problem zu bieten, sondern sollte einen Spielraum für die Frage eröffnen, wie mediale Veränderungen nicht nur die Präsentation von Wissen verändern, sondern auch die grundlegende Produktion von Evidenz – das Verhältnis von Sagen und Zeigen.

Dadurch dass die Vortragenden und die Inhalte ihrer Vorträge in einem Bild erscheinen, sind Sagen und Zeigen in ihrer Beziehung zueinander auf neue Weise beobachtbar – und zwar nicht zuletzt für die Vortragenden selbst, die während ihrer Präsentation immer schon mit der Präsentation ihrer Präsentation konfrontiert sind.

Die Versuchsanordnung schafft eine Ambivalenz zwischen Produktionssetting und Dokumentation: Eine Live-Situation wird für die Produktion von Online-Lectures eingerichtet und doch damit zugleich als Live-Situation gestaltet. Weder diente die Live-Situation allein der Produktion der Online-Lectures, noch diente die mediale Anordnung lediglich der Dokumentation einer im wesentlichen live stattfindenden Veranstaltung. Durch diese Ambivalenz sollte die Beziehung zwischen Online- und Offline-Vortrag fraglich bleiben und in Frage stehen. Die hier präsentierten Online-Lectures sind zugleich Produkt und Spur des Tagungs-Geschehens.

In einer die Tagung abschließenden Session mit dem Titel Online-Shortcuts reflektierten die TeilnehmerInnen im Greenscreen noch einmal über die entstandenen Bilder und Aufzeichnungen. Diese Kurzbeiträge können möglicherweise am ehesten zeigen, ob die Versuchsanordnung den genannten Zielen gerecht geworden ist:

Online Shortcuts: Henning Lobin from Two Antennas on Vimeo.

Online Shortcuts: Stephan Münte-Goussar from Two Antennas on Vimeo.

Online Shortcuts: Philipp Albers from Two Antennas on Vimeo.

Teil 1: Neue Wissenschaften, Selbstunternehmertum, Netzwerke

Aus der Perspektive der Vortragsforschung ist die Entwicklung der Online-Lecture eine vergleichsweise spektakuläre Neuerung: Erstmals gehen Vorträge nicht nur als Texte, sondern als Performances ins Archiv ein. Doch möglicherweise sind nicht nur online zugängliche audiovisuelle Mitschnitte von Live-Vorträgen als Online-Lecture zu verstehen. Auch Live-Vorträge, die in besonderer Weise mit Online-Settings verbunden sind und auf Online-Anwendungen basieren, könnten als Online-Lectures bezeichnet werden. Beide Formen der Online-Lecture verbindet, dass sie immer schon als Präsentation der Präsentation erscheinen, ein Merkmal, das sie zugleich mit der Powerpoint-Präsentation, ihrem unmittelbaren Vorläufer verbindet, über den Henning Lobin in seinem einleitenden Beitrag spricht:

Aus der Perspektive der Web-2.0-Forschung sind Online-Lectures lediglich ein kleiner Nebenschauplatz. Sie sind bei weitem nicht so beachtet wie zum Beispiel die wissenschaftlichen Blogs, deren Vorzüge Marc Scheloske in seinem Beitrag bespricht:

Marc Scheloske sieht Blogs als eine Bühne, auf der Wissenschaftler sich als Menschen zeigen (Minute 16.00 ff.).
In welchem Maße dies immer schon Inszenierung ist, und wie kritisches Licht auf diese neue Form der Inszenierung zu werfen wäre, diskutiert Ramon Reichert in seinem Beitrag über den Blog es österreichischen Intellektuellen Robert Misik:

Ob Videoblogs, wie die in diesem Beitrag analysierten, sinnvoll als ein neues Online-Vortragsformat betrachtet werden können, ist fraglich. Zumindest kann diese mögliche Verwandtschaft nicht den Befund einschränken, dass Vortragsszenarien und Web2.0-Szenarien nicht ohne weiteres kompatibel sind: Vorträge sind weit sperriger – schon in den Dimensionen von Zeit, Daten, Speicherplatz – als die Kommunikationsformen, die im Web 2.0 derzeit boomen. Interaktivität, Dialogizität – dies sind nicht gerade Vokabeln, die einem zum Format des Vortrags klassischerweise zuerst einfallen würden.
Dennoch trifft die Kritik, die derzeit an Web-2.0-Techniken und -Kulturen geübt wird, auch das Phänomen der Online-Lecture: Auch in Online-Lectures wird jene Tendenz zur Personalisierung, zum ökonomischen Biografismus, zum gouvernementalen Einsatz des Selbst wirksam, die Ramon Reichert herausarbeitet. Und auch Online-Lectures sind Teil der Ökonomisierung von Aufmerksamkeit und Wissen, wie sie von Stephan Münte-Goussar vor allem im zweiten Teil seines Beitrags diskutiert wird (z.B. ab Minuten 30.40):

Die Vortragsexperimente, die am Abend im Anschluss an den ersten Teil der Tagung stattfanden, und eigens zur Tagung in Auftrag gegeben worden waren, untersuchten auf überraschende Weise genau jene Fragen, die sich aus den Beiträgen des Tages entwickelt hatten.
Die Zentrale Intelligenz Agentur setzte am Punkt der Inkompatibilität zwischen klassischem Vortragsszenario und Web 2.0 Kommunikationsstrategien an und erprobte eine experimentelle Synthese in Richtung auf einen kollektiven Vortrag (man beachte insbesondere Minute 5.30 bis 6.30). Dabei wurde die Inkompatibilität beider Formen jedoch weder aufgelöst, noch verdeckt, sondern als komisches Element in Szene gesetzt:

Armin Chodzinski sezierte in seiner Lecture Performance „How to succeed in buisness with … lecture“ die online stark vertretene Form der motivational lecture, die innerhalb und außerhalb des Rahmens von Management-Seminaren „Life Leadership“ verkauft. Er analysierte damit ein Genre, in dem ökonomische Selbsttechniken in zuweilen fast unerträglich direkter Weise verhandelt, und vor allem: gehandelt, werden.
Ob die ‚motivational lecture’ damit für das digitale Votragswesen in gewisser Weise modellbildend oder gar diskursbeherrschend ist oder im Begriff ist zu werden, ist eine interessante Frage, die es weiter zu verfolgen gilt.
Armin Chodzinski interessiert sich seiner performativen Analyse zunächst für die formale Genese und die Charakteristiken des Genres. Er deckt die Strategien auf, mit denen Autorität erzeugt wird (ca. Minute 24 ff.), und konzentriert sich dann auf das Sehnsuchtsmoment, mit dem die Redner der Agentur „Speaker’s Excellence“ mit ihrem Life-Leadership-Angebot rechnen können.
Ramon Reichert hatte in seiner Analyse vom Zweifel an der kritischen Position gesprochen: Von welcher Sprecher-Instanz her können neue Selbsttechniken überhaupt kritisch in den Blick genommen werden? Welche Rolle spielt kritische Distanznahme als solche im Spiel der Selbstinszenierung? Wie kann ‚ich’ ‚mich’ überhaupt widerständig zeigen in Sachen Selbst-Technik?
Während Reichert selbst interessanter Weise gerade in dieser, sehr eindrücklichen Passage seines Beitrags beinahe aus dem Greenscreen zu fliehen scheint (ca. 13.30 ff.), setzt sich Armin Chodzinski genau in dem durch diese Frage aufgespannten Bühnenraum unablässig selbst in Szene: Er de-konstruiert die Autorität seiner Sprecherposition, versucht seinen ‚Sehnsuchtsmoment’ offenzulegen und findet und performt vor dem Spiegel der Greenscreen-Projektion Formen von instant pleasure, in denen das selbstausbeuterische und voll durchökonomisierte Ich sich auf ein Moment der juissance hin überschreitet (ca. Minute 45).

Teil II: Archive, Liveness, Wissenkünste

Der zweite Teil der Tagung wurde mit dem Beitrag von Boris Traue über Online-Tutorials eröffnet. Für mich war dabei besonders die Beziehung zwischen Tutorial und Präsentation von Interesse: Während Tutorials ein How-to vermitteln, geht es – so Traue einleitend – bei Präsentationen um die Vergegenwärtigung eines Gegenstands, dessen Gegebenheit im Zuge der Präsentation voraussetzend beglaubigt wird. Beide Formate haben jedoch den Vortragscharakter gemeinsam, beide Szenarien verknüpfen Sagen und Zeigen in jeweils spezifischer Weise.
Zeigen sich im Netz, also im Zuge der Digitalisierung des Vortragswesens, neue Konstellationen, neue Übergänge zwischen How-to-Demonstrationen und Präsentationen?
Traue behandelt in seinem Beitrag Formen von Tutorials, in denen es um die Medialisierung von Wissensformen geht, die klassischer Weise eher Face-to-Face vermittelt werden, wie Tanzschritte und Schminktechniken:

Gerade im Bereich Tanz haben sich in den letzten Jahren Übergänge zwischen Demonstrationen im Sinne des How-to und Demonstrationen im Sinne der wissenschaftlichen Analyse entwickelt, dies ist jedoch eher nicht durch neue Medien angestoßen worden, sondern Teil einer Annäherung von Kunst und Wissenschaft. Nichtsdestoweniger bieten sich heute ganz neue Möglichkeiten für die Medialisierung informellen Wissens – „how to“ hat im Netz Konjunktur. Beeinflusst diese Konjunktur auch die Praxis wissenschaftlicher Präsentationen?

Auf der Suche nach möglichen neuen Übergängen hilft der Tontechniker weiter, der die Tagung in der Halle P1 auf Kampnagel betreut. Tontechniker Paul Mayr berichtet, dass er selbst im Fernstudium Informatik studiert, zuweilen, wenn nichts zu tun ist, auch während der Veranstaltungen, die er als Tontechniker betreut. Für dieses Fernstudium nutzt er häufig Videolectures, genauer gesagt: Tutorials, und zwar immer dann, wenn ihm ein Lerninhalt aus dem Studium der Texte nicht klar wird.

Die Recherche zeigt tatsächlich: eine große Zahl der im Netz verfügbaren Tutorials, gerade derjenigen, die auf wissenschaftsnahen Servern zu finden sind, besteht aus How-To-Demonstrationen aus dem Bereich der Informatik, aus dem Bereich also, der das Medium, in dem wir uns hier bewegen, allererst produziert. Dies ist interessant, weil die Informatik als Zwitter aus Mathematik, Logik/Linguistik und Ingenieurswissenschaften ohnehin ein Bereich ist, in dem die Praxis der Demonstration zwischen logischer Demonstration und How-To-Demonstration changiert. Paul Mayr ist im übrigen nicht begeistert von Niveau und Ausrichtung unserer Tagung, weil ihm die How-to-Perspektive insgesamt unterbewertet zu sein scheint. Er spricht den Vortragenden eine How-to-Kompetenz im Hinblick auf ihren Gegenstand ab. Im Anschluss an die Tagung ergibt sich aus dieser Bemerkung eine kurze Debatte zum Verhältnis von Expertise und Analyse/Kritik.

Im Beitrag von Boris Traue stand allerdings ein ganz anderer Zusammenhang im Zentrum, nämlich die Frage nach der Selbstautorisierung, die sich mit der Präsentation von How-to-Videos verbindet. Das Netz 2.0 erscheint einmal mehr als ein Spektakel der Partizipation und der imaginären Adressaten. „To whom it may concern“, der Beitrag von Ulrike Bergermann, schließt an diesem Punkt an und stellt – immer auch in wissenshistorischer Perspektive – Kommunikationsmodelle zur Diskussion, die sich auf Online-Lectures anwenden lassen. Die Präsentation selbst hat dabei experimentellen Charakter, denn für den Greenscreen hat Ulrike Bergermann unzählige vor allem filmische Darstellungen solcher Kommunikationsmodelle zusammengestellt. Sie illustrieren ihre Präsentation im besonderer Weise: Zum einen sind sie Gegenstand des Vortrags, zum anderen rahmen sie den Vortrag visuell, so dass sich auf der performativen Ebene unablässig die Frage stellt, ob sich das Kommunikationsgeschehen des Vortrags als solches in diesen Bildern erklärt oder nicht, ob es in ihnen untergeht oder sich mit ihnen zu etwas anderem verbindet:

Auch meine Präsentation hatte in gewissem Maße experimentellen Charakter. In meinem Beitrag stelle ich die Frage, welche neuen Vortragsszenarien sich aus der Digitalisierung ergeben könnten, und eine der Antworten – die letzte – besteht in der Vermutung, dass sich im Zuge einer ‚Kollektivierung’ des Vortragswesens erstmals Situationen ergeben, in denen Sagen und Zeigen auch in der wissenschaftlichen Präsentation nicht mehr auf dasselbe Subjekt zulaufen. Für diese Entwicklung lassen sich – empirisch und künstlerisch – verschiedene Belege finden; in meinem Beitrag erprobe ich eine ganz einfache Anwendung des Prinzips: Statt selbst für die Online-Inhalte verantwortlich zu sein, die während meines Vortrags im Bild erscheinen, lasse ich Milan Matull von den TwoAntennas, die den IT-Support der Tagung besorgen, das Surfen übernehmen – ohne vorherige Absprachen:

In den Online-Shortcuts findet sich eine interessante Diskussion zu diesem Experiment: Kritisiert wird, dass diese Form des Mitsurfens dazu tendiert, einen hegemonialen Diskurs abzubilden, weil der schnelle Zugriff auf Online-Archive mehr oder weniger zwangsläufig Einträge aktualisiert, die ohnehin häufig aktualisiert werden – siehe zum Beispiel den Online-Shortcuts-Beitrag von Stefan Münte-Goussar (oben).
In meinem Beitrag selbst geht es auch um die neue Rekursivität von Vortrag und Archiv, die durch Online-Vortragsarchive entsteht. In welchem Zusammenhang steht sie eigentlich zu dem, was man die Verflüssigung von (Online-)Archiven genannt hat? „Archive in Bewegung“ ist der Titel, unter den Monika Fleischmann und Wolfgang Strauss von Netzspannung ihren Beitrag stellen. Es wird deutlich: Der Vortrag ist Schauplatz dieser Bewegung, dieser Verflüssigung. Doch inwiefern wird er zugleich von ihr erfasst?
Monika Fleischmann und Wolfgang Strauss schrieben mir im Nachtrag zum Kolloquium:
“Solche Experimente sind immer interessant – manchmal auch besonders erst rückwirkend!
Hier übrigens eine kurze Dokumentation und das Feedback auf eines
unserer ähnlichen Experimente von 1999:
Memoria Futura – i2tv
und ein vergleichbares Blue Box Setting – mit “Performance Vortrag”:
Virtual Striptease.”

Die Tagung endete am Abend des zweiten Tages mit einem performativen Experiment von Joshua Sofaer: Es handelte sich um die Simulation einer netzgesteuerten interativen Vortragsperformance. In meinem nächsten Blog-Beitrag werde ich auf dieses Experiment näher eingehen, um daran anschließend die praktischen Experimente in Sachen Online-Lectures vorzustellen, die nun – nach Durchführung des Kolloquiums – die zweite Phase meines Forschungsprojekts wesentlich prägen werden.

Hier abschließend noch die Online-Shortcuts-Beiträge von Armin Chodzinski (Analysen zur Bildpraxis), Ulrike Bergermann (“Moments of Bliss”), Boris Traue (Wiederkehr des Körpers) und Ramon Reichert (Selbst-Bekenntnis):

Online Shortcuts: Armin Chodzinski from Two Antennas on Vimeo.

Online Shortcuts: Ulrike Bergermann from Two Antennas on Vimeo.

Online Shortcuts: Ramon Reichert from Two Antennas on Vimeo.

Dokumentation des Kolloquiums demnächst hier!

Oktober 18th, 2009

Am 9. und 10. Oktober fand auf Kampnagel in Hamburg das Kolloquium Die Performance der Lecture im Netz statt. In einem experimentellen technischen Setting ging es um neue Präsentationsformen von Wissen im Netz. Im Zentrum der Diskussion standen Themen wie die Personalisierung von Wissenschaft – Stichwort: Selbstunternehmertum und Biografismus -, die Kommerzialisierung von Wissen und Aufmerksamkeit, aber auch die Chancen, die sich aus den neuen medialen Settings für kollektives Arbeiten ergeben. Zu diesem Thema führte die Zentrale Intelligenz Agentur folgendes Experiment durch:

Eine umfassende Dokumentation des Kolloquiums wird hier in Kürze zu finden sein – unter anderem auch eine Dokumentation von “How to succed in buisness with … lecture”, einer performativen Untersuchung von so genannten “motivational lectures”. Wer sich über dieses Thema informieren möchte, dem sei die neue Zeitschrift für Medienwissenschaft empfohlen, in der ich einen Beitrag zu Motivational Lectures im Netz publiziert habe.

Kolloquium-Programm – extended version!

August 17th, 2009

“Die Performance der Lecture im Netz”: Am 9. und 10. Oktober 2009 werden sich auf Kampnagel in Hamburg Wissenschaftlerinnen, Künstler und Web-Wizards treffen, um über die Digitalisierung des Vortrags zu sprechen und gemeinsam zu forschen: Nachmittags werden Forschungsergebnisse, Plattformen und Fundstücke im Greenscreen präsentiert. Abends stehen Lecture Performances auf dem Programm: Die Zentrale Intelligenz Agentur und Armin Chodzinski erproben am Freitag das Netz als Produktionsmittel für den experimentellen Vortrag. Am Samstag lädt Joshua Sofaer das Publikum in „The Many Headed Monster“ ein, kollektiv einen Vortrag über Publikumsbeteiligung zu halten.

Teil I: Netzwerke, Neue Wissenschaften, Selbstunternehmer
Freitag, 9.10.2009

16-17.30 Uhr

Henning Lobin:
Powerpointillismus und “The New Powerpoint Generation” – Probleme und Entwicklungstendenzen der wissenschaftlichen Präsentation

Powerpoint-Präsentation haben sich zu einer kommunikativen Gattung entwickelt, mit der auf einen konkreten Bedarf in einer arbeitsteilig
organisierten Wissenschaftsgesellschaft reagiert wird. Die Praxis des Präsentierens beruht aber auf medialen und rhetorischen Voraussetzungen, die der kommunikativen Situation oft nicht angemessen sind und die Anforderungen an eine wissenschaftliche Interaktion nicht erfüllen. Neuere Techniken des Präsentierens versuchen diese Unzulänglichkeiten zu überwinden, indem weitergehende Diskursmöglichkeiten geschaffen, multimodale Darstellungsweisen eingesetzt und grundlegende Metaphern erneuert werden. Im Vortrag werden die Merkmale des Powerpoint-Reduktionismus diagnostiziert und Entwicklungstendenzen dargestellt, aufgrund derer sich neue, dem Medium angemessene Präsentationspraktiken abzeichnen.

Marc Scheloske:
Transformationen der internen und externen Wissenschaftskommunikation durch wissenschaftliche Weblogs und andere onlinegestützte Medienformate

Auf der Bühne der Wissenschaftskommunikation sind in den letzten Jahren neue Akteure aufgetaucht. Wenn sich immer mehr Forscher selbst in Blogs oder bei Twitter mitteilen, wenn sie über Wissenschaft und als Wissenschaftler sprechen, dann muß letztlich auch das Drehbuch der Wissenschaftskommunikation umgeschrieben werden.
Doch wie stark verändert sich der (wissenschaftliche) Spielplan tatsächlich durch Blogs & Co.? Wie reagiert das Publikum im Zuschauerraum? Und welche Veränderungen vollziehen sich hinter den Kulissen? Auf diese und weitere Fragen sollen im Vortrag nach Antworten gesucht werden.

18-19.30 Uhr

Ramon Reichert:
Inszenierungen des Intellektuellen im Videoblog

Die rasante Verbreitung des Videoblogs hat auch die Inszenierungen des Intellektuellen maßgeblich beeinflusst. Als Subjekt und Objekt gesteigerter Aufmerksamkeit befinden sich die Videoblogger/innen in einem doppelten Status. Die Bewertung der Amateurvideos erfolgt nach dem medienökonomischen Vorbild der Direktwerbung: die Maxime der Direktwerbung besteht darin, nicht auf Massenmedien aufzuspringen, sondern auf sich selbst aufmerksam zu machen (Stichwort: Intellektuelle als Selbstunternehmer). So geht es bei der Herstellung von Aufmerksamkeitsbindung primär darum, Aufmerksamkeit in statistischen Quantitäten zu bündeln und demonstrativ zu visualisieren, um den Marktwert des eigenen Online-Formats zu steigern.

Stephan Münte-Goussar:
Open Access, selbstdarstellerisches Hochschulmarketing oder Lektion in digitaler Selbststeuerung?

Die Distribution audiovisueller Mitschnitte wissenschaftlicher Vorträge und Lehreinheiten trägt in der aktuellen Diskussion nicht selten das
Signum einer neuen – nun digitalen – Bildungsexpansion: Open Access, d.h. Wissen zu jeder Zeit, an jedem Ort und für alle! Die Gründe der Digitalisierung sind oft profaner: vermeintliche Kostenreduktion; mehrfach Verwertung der geleisteten Arbeit; Standardisierung von
Lehre; schlicht, weil man es kann. Entscheidender scheint aber die Vermutung, dass es gar nicht das Wissen ist, welches knapp und bisher
öffentlich nur schwer zugänglich ist; knapp ist allein Zeit und damit Aufmerksamkeit. Mit der zunehmend breiteren Veröffentlichung von
Wissen, wird dieses womöglich gar nicht vermehrt, sondern die Aufmerksamkeitsströme auf bestimmtes Wissen kanalisiert, also das
Wissen verknappt. Bildungseinrichtungen profilieren sich mit frei zugänglichen Bildungsangeboten im “Kampf um Talente”, d.h. um
potenzielle Träger von bestimmtem Wissen. Eine akademische Öffentlichkeit wird damit zum Markt. Die Potenziale – auch digital
unterstützter Formen – vorgeführter Forschung und interaktiver Lehre werden damit verspielt. Das Audiovisuelle Archiv wird zum
Dienstleistungsangebot, mittels dessen Lernende innerhalb maschinenlesbarer Datenarchitekturen, im Rahmen kleinteiliger
Feedbacksyteme, letztlich aber selbstgesteuert Wissen konsumieren können.

21 Uhr

Zentrale Intelligenz Agentur:
Telepronto
Kollaboration und Kohärenz im Vortragswesen

Die Zentrale Intelligenz Agentur wird in einem kollaborativ-interaktiven Experiment das Format ‘Vortrag’ performativ ausloten und die techno-sozialen Bedingungen der Produktion von Online-Vorträgen selbstreflexiv untersuchen. Im Zentrum stehen dabei unterschiedliche Figurationen von argumentativer Stringenz.

Armin Chodzinski:
How to succeed in business with…: lecture!

In der Online-Referentenagentur Speakers Excellence gibt es für jeden Erfolg einen Referenten und die Ladage Media GmbH hat seit 2006 an die 200 Firmenhymnen komponiert. Eine Betrachtungsweise auf die gesellschaftliche Transformation der Produktionsmittel heißt Organizational Behaviour und argumentiert mit der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow in Kombination mit Porter’s Five Forces. Und wenn Dick Hardt über Identity 2.0 Vorträge hält, dann macht er es im Stile von Lawrence Lessig, der einen Power-Point-Präsentations-Stil erfunden hat, der vor allem eines kann: Er kann im Internet veröffentlicht, live gehalten, aufbereitet, vorbereitet und gespielt werden. Aber wer präsentiert wen, wann und warum und was ist mit der Magie des Momentes, wenn der Moment ein Ort ohne Geographie aber mit größtmöglicher Ordnung ist?

Teil II: Archive Liveness, Wissenskünste
Samstag, 10.10.2009

14-15.30 Uhr

Boris Traue:
Life Hacking – Lecture und Tutorial als Selbstautorisierungsgeste

Gleichzeitig mit der Verbreitung von e-learning-Dispositiven sind textuelle und visuelle Praktiken des Selbermachens und –zeigens entstanden. Sie erinnern an die do-it-yourself-Bewegung der 1970er, speisen sich aber auch aus der Hackerethik. ‚Tutorial’-Videoclips verweisen dabei mehr auf den experimentellen und handwerksnahen
Gattungstyp der Demonstration als den akademischen der Präsentation. Das Zeigen von Fertigkeiten und Künsten im Netz kann dabei als Selbstautorisierungsgeste gelesen werden, die an audiovisuelle Darstellungskonventionen gebunden ist.

Ulrike Bergermann:
To whom it may concern: Konstitutive Nachträglichkeit im digitalen Archiv

In den 1940er Jahren trafen sich Mathematiker, EthnologInnen, Natur- und Sprachwissenschaftler und die, die später Informatiker heißen würden, in New York, um eine gemeinsame Theorie für alle Wissens- und Praxisformen zu finden. Die Macy-Konferenzen suchten unter dem Titel “Kybernetik” Paradigmen wie die Rückkopplung, die für alle Vorgänge im Lebewesen und der Maschine relevant wären. Shannons fünfteiliges Sender-Empfänger-Modell wird später Furore machen – und ein anderes Modell eines noch prominenteren Teilnehmers fast in Vergessenheit geraten lassen. Norbert Wieners Skizze von Nachrichten als “To whom it may concern-messages” wurde nicht zum Leitmotiv der kommenden Medien- oder Kommunikationswissenschaft. Wie ein Hormon im Körper, das erst an der Stelle, an der es gebraucht wird, seine Eigenschaften entfaltet, zirkuliert ein solcher Nachrichtentyp solange, bis der Empfänger die Botschaft lesen will und liest. Erst dann ist die Nachricht eine geworden. Der Empfang entscheidet über den Inhalt. Kein content ohne concern. Ist das nicht das passende Modell für Vorträge im Netz? Es trägt Elemente von Wahrscheinlichkeit, von Interesse, von Produktivität der RezipientInnen, von singulärer Emotionalität bis zur Schwarmintelligenz. “Zirkulieren” statt “senden”: Klingt das nur weniger direktiv, oder lässt sich das Netz wirklich als Zizeks “symbolische Eingeweide”, als umgestülpte Hierarchie des alten Verhältnisses von Rednersender und Empfängerverdauer entwerfen?

16-17.30 Uhr

Sibylle Peters:
online/offline – über die Zukunft des Vortrags als Performance

Aus der Verbindung von Vortrag und Web entwickeln sich neue Vortragsformate – Videoblogs, virtuelle Vorlesungen, Powerpoint-Präsentationen, die online zu Kurzfilmen werden, oder Live-Vortragssettings mit Twitter-Kommentarwand. Wenn Vorträge per Video aus Vorträgen zitieren und Diskussionspartner per Skype zugeschaltet werden, entstehen Hybride zwischen Live-Situation und Dokumentation, die auch die Grenzen zwischen Produktion und Rezeption unterlaufen. Mit seiner Digitalisierung tritt der Vortrag in sich selbst wieder ein. Und so geht es zwischen Powerpoint und Internet-Archiv immer schon um die Präsentation der Präsentation.

Monika Fleischmann & Wolfgang Strauss:
Elektronische Arenas kommunikativer Performanz*

Experimente in elektronischen Arenas werden seit Mitte der 1990er Jahre – online und offline – von Künstlern und Kuratoren insbesondere in USA und Europa erprobt. Sie befassten sich mit Interaktivität, Virtualität und Performativität als Phänomene vernetzter Kommunikation. Im künstlerisch-wissenschaftlichen Kontext sind das Online-Inzenierungen wie das Streamen von Vorträgen in Hochschulen, Tele-Lectures als Lehrmaterial im Netz oder die Hypermedia Tele-Lecture, die während der Lecture Materialien aus zwei Archiven verbindet. Eine andere Form sind performative Lectures als Inszenierung auf der Bühne oder als vernetzte Community im Mixed-Reality-Raum wie die i2TV- Inszenierung von Ernst Jandls “Ottos Mops” oder der Dialog zweier Körper in “Murmuring Fields”, die Statements von Philosophen zum Sprechen bringen. Diese und weitere Beispiele performativer Kommunikation diskutieren die Frage kommunikativer Performanz in interaktiven Prozessen. Ziel unserer Arbeit ist, die Sprache der Interaktivität zu erforschen und für die Inszenierung von Information begehbare Mixed Reality Dialogräume zu entwerfen. Beispiele zu diesen Themen aus unserem Atelier/Labor “MARS” können auf der Netzplattform für Medienkunst - http://netzspannung.org/about/mars/projects/ – oder auf unserer Homepage – http://fleischmann-strauss.de/works.html – nachverfolgt werden.

18-19.30 Uhr

Online-Shortcuts . experimentelles Podium mit allen Vortragenden

21 Uhr

Joshua Sofaer:
The Many-Headed Monster
The audience of contemporary performance

In this presentation Joshua Sofaer will present The Many Headed Monster and consider how it might be translated into an online resource.
The Many-Headed Monster is an original and inventive resource for anyone interested in contemporary performance practices and their relationships with audiences. Across a range of artistic disciplines, artists are dealing with audiences in innovative and creative ways, placing the audience at the heart of their work. Contemporary culture is marked by the emancipation of the spectator and the transformation of the audience from passive recipient to active participant. The Many-Headed Monster is a critical and practical resource investigating what is at stake for audiences today when they attend a live event.