Das folgende Abstract habe ich für die Jahrestagung der europäischen Science Studies verfasst. Es stellt aktuelle Überlegungen aus meinem Forschungsprojekt vor.
Science Studies have argued that the material, the social and the performative aspects of knowledge production are not secondary but crucial to the process of innovation and insight. Does this also apply to forms of knowledge presentation?
From the viewpoint of scientific tradition research itself and the public presentation of its outcomes are two different things – research first, presentation second. In the performing arts this is different; here, research is deeply intertwined with presentation: Artistic research is part of the process of preparing a public presentation. And vice versa the presentation itself is a main part of the research process, a test-scenario.
As long as ‚the lab’ and ‚the experiment’ have been the main terms and forms ‚borrowed’ from science to describe artistic research, this difference caused misunderstandings: Artistic research necessarily falls short compared to scientific research, if the inner relation between presentation and research, that is crucial to research in the performing arts, isn’t acknowledged.
This makes it an important shift that in recent years the lecture has become a format of artistic investigation and intervention. From the viewpoint of science the lecture is not a form of knowledge production but merely a form of knowledge presentation. To investigate the lecture as performance means to question this traditional gap between research and presentation. Concentrating on the lecture artistic research can show that the presentation of knowledge re-enters knowledge production. By means of performance studies and performative intervention these re-entries can be specified and modulated.
So, what is at stake in the emergence of the lecture performance between art and science? Lecture performance should not be about improving the performance of scientists as lecturers. Neither should it be about artists making scientific matters understandable and popular through lecture performances. It should be about the part presentation plays within knowledge production itself.
The daily practice of lecturing is subject to change. Why not make theses changes a common focus of attention for art and science? Currently many of these changes are related to the web 2.0: On web-2.0-platforms we find huge amounts of lectures documented not as texts but as performances. At the same time the web is becoming a tool for the production of lectures. Online-chats or services like twitter enable audiences to give live-feedback within the lecture-setting; co-lecturers can contribute online to live-lectures; transitions between ‚live-lectures’ and ‚online-lectures’ are evolving.
Regarding the lecture as performance artists and scientists together can try to transform lectures into an interactive setting of collective knowledge production.
Zum Jahreswechsel hatte ich mir Zeit genommen, um an meinem Buch “Der Vortrag als Performance” zu arbeiten. Da ereilte mich eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung, ob ich etwas zur neu entfachten PowerPoint-Debatte beitragen möchte. Hier mein Artikel, der am 28.12.2009 unter der Überschrift “Wir Schauspieler” in etwas gekürzter Form in der SZ erschienen ist. Die darin besprochenen Beispiele sind natürlich im Netz auch anzusehen!
Performances des Wissens
Was ist ein ‚presenter’? Laut englisch/deutschem Wörterbuch kommt da einiges in Frage: ein Geber, ein Ansager, ein Moderator, ein Präsentator eben. Auf Wikipedia (deutsch) findet sich dagegen ausschließlich folgende Bedeutung: „Ein Presenter (Engl. to present … präsentieren) ist eine Fernbedienung zur Steuerung eines PCs während eines Vortrages. Er wird meist benützt, um eine mit einem Beamer gezeigte Computerpräsentation wie Powerpoint zu steuern…“ Vom Präsentator zum Schalter – mit PowerPoint?
PowerPoint scheint weiterhin zu polarisieren - dies zeigen auch die jüngsten Beiträge von Thomas Steinfeld und Henning Lobin in dieser Zeitung: Das allgegenwärtige Präsentations-Programm, so Steinfeld, sei ein „Instrument, dessen Formalismen dem Totalitarismus einer ökonomischen Weltanschauung entsprechen“ und solchermaßen am Untergang der abendländischen Redekultur mitschuldig. Der Linguist Lobin hält – im Rekurs auf die Soziologen Knoblauch und Schnettler – dagegen, PowerPoint sei das „vereinfachte Basis-Idiom der Wissensgesellschaft“ und diene einem wachsenden Bedarf vor allem in gesellschaftlichen Bereichen, die die Verfechter klassisch-elitärer Vortragskultur notorisch nicht auf dem Schirm hätten.
An PowerPoint kristallisiert sich eine auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklung: Der Aufstieg der so genannten Wissensgesellschaft entmachtet zuweilen gerade die traditionellen Hohepriester des Wissens. Der klassische wissenschaftliche Vortrag ist heute nicht mehr das maßgebliche Modell für Wissenspräsentationen. Das Diktum “It’s not your presentation. It’s your presentation of a PowerPoint presentation” zeugt von einem Gefühl der Enteignung, das aus wissenschaftlicher Perspektive durchaus den Tatsachen entspricht: Im Boom der Wissensgesellschaft fällt das überkommene Monopol der Wissenschaften auf Erkenntnis. Dabei verändert sich allerdings zugleich das, was uns als Wissen gilt. Lyotard prognostizierte bereits 1980: Wissen wird performativ. Es legitimiert sich nicht mehr in erster Linie durch die Verfahren seiner Entstehung, sondern im Verweis auf sichtbare Leistung, Wirkung, ‚high performance’.
Die PowerPoint-Präsentation ist ein Schauplatz dieses Umbruchs, und bietet als solcher nicht nur die Möglichkeit, die Entwicklung en detail zu untersuchen, sondern womöglich auch die Chance, en detail zu intervenieren. Kommen wir also zurück zum Detail, zum Presenter: Tatsächlich, in der Welt von PowerPoint ist der Presenter nicht mehr der Vortragende, sondern ein Schalter. Im Augenblick des Schaltens verbindet er zwei Präsentationen: meine und die im Rechner bzw. auf dem Schirm. Presenter heißt der Schalter, weil dabei immer zweierlei geschieht: Der Vortragende präsentiert seine Präsentation, zugleich präsentiert die Präsentation umgekehrt aber auch den Vortrag. Betritt der Vortragende die Szene, betitelt die Präsentation mittels der ersten Folie bereits seinen Auftritt. Mit jedem Klick präsentieren sich im Folgenden Rede und Folie wechselseitig.
Dass hier das eigentliche Skandalon der Präsentation liegt, daran lassen Virtuosen des Genres (doch, es gibt sie) keinen Zweifel. PowerPoint-Stars wie Lawrence Lessig oder Dick Hardt machen es nicht unter 20 Folien pro Minute. Rede und Folie geben sich wechselseitig einen frenetischen Takt an. Manchmal zeigt die Folie dabei nichts anderes, als das soeben gesprochene Wort, zum Beispiel „start“ oder „never“. Inszeniert wird so das Jetzt des Präsentierens im Moment des Klicks. Mit der vielgescholtenen Redundanz von Folie und Rede hat das nichts zu tun. Hier geht es nicht um Bullet Points. In dieser Hinsicht ist auch die Forschung ein gutes Stück weitergekommen: Kennzeichnend für ‚PowerPoint’-Präsentationen ist entgegen der landläufigen Meinung, dass im Vorhinein nicht festgelegt ist, wie Sagen und Zeigen zueinander stehen – weder durch Software, noch durch Konvention. Wie sich Rede/Aktion und Folie zueinander verhalten und was dabei jeweils die Szene der Präsentation insgesamt dominiert, steht bei jedem Klick erneut in Frage. Und vielleicht besteht die hohe Kunst des Präsentierens genau darin, dieses Verhältnis so virtuos zu variieren, dass wir überrascht sind, was sich zwischen Sagen und Zeigen alles ereignen kann.
Dick Hardt beginnt seine berühmte Präsentation ‚Identity 2.0’ mit einer Vorstellung seiner Person. Er zeigt eine schnelle Serie von Logos, Karten, Fotos, Worten, die der Rede auf den ersten Blick nichts hinzufügen und doch seriell anzeigen, in welchen konkreten Formen uns Identität heute (beim Googlen) entgegenkommt. Im wechselseitigen Verweis von Folie und Rede wird Hardts Performance schließlich selbst zu einem schlagenden Beispiel dessen, wovon unter dem Stichwort ‚Identity 2.0’ die Rede ist.
Müssen wir auf der Bühne der Präsentation also alle zu perfekten Performern werden? Aus der Perspektive der Performance Studies verbirgt sich in dieser Annahme ein grundlegendes Missverständnis: Anders als uns das ökonomisch geprägte Konzept von Performance weismachen will, ist ein Performer gerade kein Souverän, der die Szene beherrscht. Er ist vielmehr Teil einer Szene; in seiner Performance zeigt sich grundsätzlich mehr und anderes, als gezeigt werden soll. Das gilt auch für die PowerPoint-Performance: Sie wird nicht nur vorgeführt, sondern führt immer auch vor –im Zweifelsfall den Vortragenden. Dies ist die Crux: PowerPoint verspricht die Beherrschung aller Mittel und öffnet dabei doch zugleich eine Szene, auf der der Vortragende zwangsläufig zur Figur wird. Eine Steilvorlage für Kritik, die um so boshafter ausfällt, je weniger sie diesen Wesenszug von ‚Performance’ reflektiert.
Das ambivalente Potential von PowerPoint als Performance des Wissens wird dabei schnell übersehen:
Einerseits dient sich die doppelte Struktur der Präsentation durchaus einem ökonomischen Kalkül an. Denn sie ermöglicht, Wissen zu vermitteln und zugleich die Wirkung dieses Wissens in der Performance des Präsentierens selbst in Szene zu setzen. Der Extremfall dieser Präsentationsform ist der ‚Motivational Trainer’, der die positive Wirkung des von ihm vermittelten Erfolgswissens im Erfolg seines Auftritts selbst zu beglaubigen sucht.
Andererseits kann die Präsentation der Präsentation, gerade weil sich in ihr mehr und anderes zeigt, als gezeigt werden soll, auch als experimentelles Szenario verstanden werden. Darin liegt eine Chance, auf die aus der Perspektive der Performance Studies nicht häufig genug hingewiesen werden kann: Bislang galten Forschung und Vermittlung in der Welt des Wissens als getrennt, die Forschung als primär, die Vermittlung als sekundär. Begreift man die Präsentation von Wissen jedoch als Performance, wird sichtbar, welchen Anteil sie an der Entstehung von Wissen hat. Und damit wird die Performance des Wissens potentiell zum Forschungslabor.
Wie das aussehen kann, zeigen beispielsweise die Lecture-Performances des Humangeographen und Künstlers Armin Chodzinski. In seiner jüngsten Arbeit „How to succeed in buisness with…lecture“ agiert er in einem von PowerPoint-Folien definierten, virtuellen Bühnenraum, der es ihm erlaubt, seine Sprecherposition im Wechsel von Analyse und Selbstversuch in Frage zu stellen. Welche Rolle spielt die Inszenierung der Person in der ökonomisch-geprägten Präsentation von heute? Um das zu klären, seziert Chodzinski nicht nur Performances von Dick Hardt und Kollegen. Die Zuschauer sind zugleich eingeladen zu beobachten, inwiefern Chodzinskis eigene Performance den untersuchten Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Die Präsentation wird zur Teststrecke: Per Karaoke-Auftritt legt Chodzinski schließlich am eigenen Leibe das ‚Sehnsuchtsmoment’ offen, das die ökonomische Inszenierung des Ichs antreibt, und macht uns damit zu Zeugen eines Fluchtversuchs mit offenem Ausgang.
(für das Video siehe die Dokumentation der Tagung “Die Performance der Lecture im Netz” in diesem Blog / scroll down)
PowerPoint-Präsentationen wie diese machen bereits von der Erkenntnis Gebrauch, dass wir es hier nicht nur mit der Vermittlung gegebenen Wissens zu tun haben – sei sie gelungen oder nicht, sondern mit einem experimentellen Szenario, in dem zwischen Sagen und Zeigen, Sehen und Hören Wissen entsteht. So verstanden kann die PowerPoint-Präsentation am Ende mühelos an beste Traditionen rhetorischer Hochkultur anschließen. Denn auch für diese Performance des Wissens ist geltend zu machen, was Wilhelm von Humboldt bereits 1809 über jene Art des Vortrags sagte, die damals für die Einheit von Forschung und Lehre einstehen sollte: „Es wäre unbegreiflich, wenn man nicht hier, sogar oft, auf Entdeckungen stoßen sollte.“
Am 10.11. erschien in der Internetausgabe der FAZ ein Artikel über meine Online-Vortragsforschung, vermutlich in Reaktion auf meine Publikation in der neuen Zeitschrift für Medienwissenschaft. Ich freue mich über die unverhoffte öffentliche Wahrnehmung, auch wenn ich mich den Schlüssen des Autors nicht immer anschließen kann. Wie das Thema Online-Vorträge ausführlicher und konstruktiver zu verhandeln wäre, darüber gibt zum Beispiel die Dokumentation des Kolloquiums “Die Performance der Lecture im Netz” in diesem Blog Aufschluss.
Durch die hohe Anzahl an Flashplayern kann das Laden der Dokumentation eine Minute dauern. Wenn einzelne Videos beim ersten Laden des Blogs nicht angezeigt werden sollten: Einfach noch einmal laden, dann erledigt sich dieses Problem.
Die Tagung „Die Performance der Lecture im Netz“ war eine Versuchsanordnung, eine Werkstatt für die Analyse und die Produktion von Wissenspräsentationen im Netz:
In der Halle P1 auf Kampnagel (Theaterfabrik in Hamburg) standen sich ein Greenscreen mit einer kleinen Rednerbühne und eine Projektionsfläche gegenüber. Die Vortragenden präsentierten ihre Beiträge vor dem Greenscreen.
Ulrike Bergermann vor dem Greenscreen, Foto: Marc Scheloske
Sie zeigten dazu in erster Linie Online-Inhalte – Websites, Bilder und Videos. Auf der Projektionsfläche wurden die Aufnahme des Greenscreens und die Screen-Inhalte des für die Präsentation genutzten Rechners ineinander geblendet. Auf diese Weise standen die Vortragenden während ihrer Präsentation in gewisser Weise ihrem Spiegelbild gegenüber, das vor beziehungsweise inmitten den präsentierten Inhalten erschien. Auch der Twitterfeed zur Tagung wurde in das Bild eingeblendet, sobald sich hier aktuelle Einträge fanden.
Die TwoAntennas vor der Projektion, Foto: Marc Scheloske
Die Online-Videos geben dieses gespiegelte Bild wieder; sie zeigen also genau das, was Vortragende und TeilnehmerInnen im Moment der Präsentation selbst auf der Projektionsfläche gesehen haben, zeigen jedoch gerade nicht die mediale und räumliche Anordnung der Tagung selbst: Zwischen Greenscreen-Bühne und Projektionsfläche fand das Geschehen der Tagung statt – die Tagungsteilnehmer saßen meist an Tischen und hatten die Möglichkeit über Wlan ebenfalls online zu gehen.
Die Versuchsanordnung hatte im Hinblick auf das Tagungsthema folgende Ziele:
Online gestellte Mitschnitte von Vorträgen übertragen die Beziehungen von Sagen und Zeigen, die ein Vortragsszenario auszeichnen, in ein neues Medium. Die damit einhergehenden Probleme werden selten befriedigend gelöst, und zwar schon deshalb, weil diese Beziehungen nicht ausreichend reflektiert und in den Fokus genommen werden, aber auch weil jede mediale Übertragung diese Beziehungen zwangsläufig de- und refiguriert.
Die vorliegende Versuchsanordnung bringt mittels der Greenscreen-Technik das, was gesagt wird und das, was gezeigt wird, in dasselbe Bild. Sie beansprucht nicht, damit eine hinreichende Lösung für das skizzierte Problem zu bieten, sondern sollte einen Spielraum für die Frage eröffnen, wie mediale Veränderungen nicht nur die Präsentation von Wissen verändern, sondern auch die grundlegende Produktion von Evidenz – das Verhältnis von Sagen und Zeigen.
Dadurch dass die Vortragenden und die Inhalte ihrer Vorträge in einem Bild erscheinen, sind Sagen und Zeigen in ihrer Beziehung zueinander auf neue Weise beobachtbar – und zwar nicht zuletzt für die Vortragenden selbst, die während ihrer Präsentation immer schon mit der Präsentation ihrer Präsentation konfrontiert sind.
Die Versuchsanordnung schafft eine Ambivalenz zwischen Produktionssetting und Dokumentation: Eine Live-Situation wird für die Produktion von Online-Lectures eingerichtet und doch damit zugleich als Live-Situation gestaltet. Weder diente die Live-Situation allein der Produktion der Online-Lectures, noch diente die mediale Anordnung lediglich der Dokumentation einer im wesentlichen live stattfindenden Veranstaltung. Durch diese Ambivalenz sollte die Beziehung zwischen Online- und Offline-Vortrag fraglich bleiben und in Frage stehen. Die hier präsentierten Online-Lectures sind zugleich Produkt und Spur des Tagungs-Geschehens.
In einer die Tagung abschließenden Session mit dem Titel Online-Shortcuts reflektierten die TeilnehmerInnen im Greenscreen noch einmal über die entstandenen Bilder und Aufzeichnungen. Diese Kurzbeiträge können möglicherweise am ehesten zeigen, ob die Versuchsanordnung den genannten Zielen gerecht geworden ist:
Teil 1: Neue Wissenschaften, Selbstunternehmertum, Netzwerke
Aus der Perspektive der Vortragsforschung ist die Entwicklung der Online-Lecture eine vergleichsweise spektakuläre Neuerung: Erstmals gehen Vorträge nicht nur als Texte, sondern als Performances ins Archiv ein. Doch möglicherweise sind nicht nur online zugängliche audiovisuelle Mitschnitte von Live-Vorträgen als Online-Lecture zu verstehen. Auch Live-Vorträge, die in besonderer Weise mit Online-Settings verbunden sind und auf Online-Anwendungen basieren, könnten als Online-Lectures bezeichnet werden. Beide Formen der Online-Lecture verbindet, dass sie immer schon als Präsentation der Präsentation erscheinen, ein Merkmal, das sie zugleich mit der Powerpoint-Präsentation, ihrem unmittelbaren Vorläufer verbindet, über den Henning Lobin in seinem einleitenden Beitrag spricht:
Aus der Perspektive der Web-2.0-Forschung sind Online-Lectures lediglich ein kleiner Nebenschauplatz. Sie sind bei weitem nicht so beachtet wie zum Beispiel die wissenschaftlichen Blogs, deren Vorzüge Marc Scheloske in seinem Beitrag bespricht:
Marc Scheloske sieht Blogs als eine Bühne, auf der Wissenschaftler sich als Menschen zeigen (Minute 16.00 ff.).
In welchem Maße dies immer schon Inszenierung ist, und wie kritisches Licht auf diese neue Form der Inszenierung zu werfen wäre, diskutiert Ramon Reichert in seinem Beitrag über den Blog es österreichischen Intellektuellen Robert Misik:
Ob Videoblogs, wie die in diesem Beitrag analysierten, sinnvoll als ein neues Online-Vortragsformat betrachtet werden können, ist fraglich. Zumindest kann diese mögliche Verwandtschaft nicht den Befund einschränken, dass Vortragsszenarien und Web2.0-Szenarien nicht ohne weiteres kompatibel sind: Vorträge sind weit sperriger – schon in den Dimensionen von Zeit, Daten, Speicherplatz – als die Kommunikationsformen, die im Web 2.0 derzeit boomen. Interaktivität, Dialogizität – dies sind nicht gerade Vokabeln, die einem zum Format des Vortrags klassischerweise zuerst einfallen würden.
Dennoch trifft die Kritik, die derzeit an Web-2.0-Techniken und -Kulturen geübt wird, auch das Phänomen der Online-Lecture: Auch in Online-Lectures wird jene Tendenz zur Personalisierung, zum ökonomischen Biografismus, zum gouvernementalen Einsatz des Selbst wirksam, die Ramon Reichert herausarbeitet. Und auch Online-Lectures sind Teil der Ökonomisierung von Aufmerksamkeit und Wissen, wie sie von Stephan Münte-Goussar vor allem im zweiten Teil seines Beitrags diskutiert wird (z.B. ab Minuten 30.40):
Die Vortragsexperimente, die am Abend im Anschluss an den ersten Teil der Tagung stattfanden, und eigens zur Tagung in Auftrag gegeben worden waren, untersuchten auf überraschende Weise genau jene Fragen, die sich aus den Beiträgen des Tages entwickelt hatten.
Die Zentrale Intelligenz Agentur setzte am Punkt der Inkompatibilität zwischen klassischem Vortragsszenario und Web 2.0 Kommunikationsstrategien an und erprobte eine experimentelle Synthese in Richtung auf einen kollektiven Vortrag (man beachte insbesondere Minute 5.30 bis 6.30). Dabei wurde die Inkompatibilität beider Formen jedoch weder aufgelöst, noch verdeckt, sondern als komisches Element in Szene gesetzt:
Armin Chodzinski sezierte in seiner Lecture Performance „How to succeed in buisness with … lecture“ die online stark vertretene Form der motivational lecture, die innerhalb und außerhalb des Rahmens von Management-Seminaren „Life Leadership“ verkauft. Er analysierte damit ein Genre, in dem ökonomische Selbsttechniken in zuweilen fast unerträglich direkter Weise verhandelt, und vor allem: gehandelt, werden.
Ob die ‚motivational lecture’ damit für das digitale Votragswesen in gewisser Weise modellbildend oder gar diskursbeherrschend ist oder im Begriff ist zu werden, ist eine interessante Frage, die es weiter zu verfolgen gilt.
Armin Chodzinski interessiert sich seiner performativen Analyse zunächst für die formale Genese und die Charakteristiken des Genres. Er deckt die Strategien auf, mit denen Autorität erzeugt wird (ca. Minute 24 ff.), und konzentriert sich dann auf das Sehnsuchtsmoment, mit dem die Redner der Agentur „Speaker’s Excellence“ mit ihrem Life-Leadership-Angebot rechnen können.
Ramon Reichert hatte in seiner Analyse vom Zweifel an der kritischen Position gesprochen: Von welcher Sprecher-Instanz her können neue Selbsttechniken überhaupt kritisch in den Blick genommen werden? Welche Rolle spielt kritische Distanznahme als solche im Spiel der Selbstinszenierung? Wie kann ‚ich’ ‚mich’ überhaupt widerständig zeigen in Sachen Selbst-Technik?
Während Reichert selbst interessanter Weise gerade in dieser, sehr eindrücklichen Passage seines Beitrags beinahe aus dem Greenscreen zu fliehen scheint (ca. 13.30 ff.), setzt sich Armin Chodzinski genau in dem durch diese Frage aufgespannten Bühnenraum unablässig selbst in Szene: Er de-konstruiert die Autorität seiner Sprecherposition, versucht seinen ‚Sehnsuchtsmoment’ offenzulegen und findet und performt vor dem Spiegel der Greenscreen-Projektion Formen von instant pleasure, in denen das selbstausbeuterische und voll durchökonomisierte Ich sich auf ein Moment der juissance hin überschreitet (ca. Minute 45).
Teil II: Archive, Liveness, Wissenkünste
Der zweite Teil der Tagung wurde mit dem Beitrag von Boris Traue über Online-Tutorials eröffnet. Für mich war dabei besonders die Beziehung zwischen Tutorial und Präsentation von Interesse: Während Tutorials ein How-to vermitteln, geht es – so Traue einleitend – bei Präsentationen um die Vergegenwärtigung eines Gegenstands, dessen Gegebenheit im Zuge der Präsentation voraussetzend beglaubigt wird. Beide Formate haben jedoch den Vortragscharakter gemeinsam, beide Szenarien verknüpfen Sagen und Zeigen in jeweils spezifischer Weise.
Zeigen sich im Netz, also im Zuge der Digitalisierung des Vortragswesens, neue Konstellationen, neue Übergänge zwischen How-to-Demonstrationen und Präsentationen?
Traue behandelt in seinem Beitrag Formen von Tutorials, in denen es um die Medialisierung von Wissensformen geht, die klassischer Weise eher Face-to-Face vermittelt werden, wie Tanzschritte und Schminktechniken:
Gerade im Bereich Tanz haben sich in den letzten Jahren Übergänge zwischen Demonstrationen im Sinne des How-to und Demonstrationen im Sinne der wissenschaftlichen Analyse entwickelt, dies ist jedoch eher nicht durch neue Medien angestoßen worden, sondern Teil einer Annäherung von Kunst und Wissenschaft. Nichtsdestoweniger bieten sich heute ganz neue Möglichkeiten für die Medialisierung informellen Wissens – „how to“ hat im Netz Konjunktur. Beeinflusst diese Konjunktur auch die Praxis wissenschaftlicher Präsentationen?
Auf der Suche nach möglichen neuen Übergängen hilft der Tontechniker weiter, der die Tagung in der Halle P1 auf Kampnagel betreut. Tontechniker Paul Mayr berichtet, dass er selbst im Fernstudium Informatik studiert, zuweilen, wenn nichts zu tun ist, auch während der Veranstaltungen, die er als Tontechniker betreut. Für dieses Fernstudium nutzt er häufig Videolectures, genauer gesagt: Tutorials, und zwar immer dann, wenn ihm ein Lerninhalt aus dem Studium der Texte nicht klar wird.
Die Recherche zeigt tatsächlich: eine große Zahl der im Netz verfügbaren Tutorials, gerade derjenigen, die auf wissenschaftsnahen Servern zu finden sind, besteht aus How-To-Demonstrationen aus dem Bereich der Informatik, aus dem Bereich also, der das Medium, in dem wir uns hier bewegen, allererst produziert. Dies ist interessant, weil die Informatik als Zwitter aus Mathematik, Logik/Linguistik und Ingenieurswissenschaften ohnehin ein Bereich ist, in dem die Praxis der Demonstration zwischen logischer Demonstration und How-To-Demonstration changiert. Paul Mayr ist im übrigen nicht begeistert von Niveau und Ausrichtung unserer Tagung, weil ihm die How-to-Perspektive insgesamt unterbewertet zu sein scheint. Er spricht den Vortragenden eine How-to-Kompetenz im Hinblick auf ihren Gegenstand ab. Im Anschluss an die Tagung ergibt sich aus dieser Bemerkung eine kurze Debatte zum Verhältnis von Expertise und Analyse/Kritik.
Im Beitrag von Boris Traue stand allerdings ein ganz anderer Zusammenhang im Zentrum, nämlich die Frage nach der Selbstautorisierung, die sich mit der Präsentation von How-to-Videos verbindet. Das Netz 2.0 erscheint einmal mehr als ein Spektakel der Partizipation und der imaginären Adressaten. „To whom it may concern“, der Beitrag von Ulrike Bergermann, schließt an diesem Punkt an und stellt – immer auch in wissenshistorischer Perspektive – Kommunikationsmodelle zur Diskussion, die sich auf Online-Lectures anwenden lassen. Die Präsentation selbst hat dabei experimentellen Charakter, denn für den Greenscreen hat Ulrike Bergermann unzählige vor allem filmische Darstellungen solcher Kommunikationsmodelle zusammengestellt. Sie illustrieren ihre Präsentation im besonderer Weise: Zum einen sind sie Gegenstand des Vortrags, zum anderen rahmen sie den Vortrag visuell, so dass sich auf der performativen Ebene unablässig die Frage stellt, ob sich das Kommunikationsgeschehen des Vortrags als solches in diesen Bildern erklärt oder nicht, ob es in ihnen untergeht oder sich mit ihnen zu etwas anderem verbindet:
Auch meine Präsentation hatte in gewissem Maße experimentellen Charakter. In meinem Beitrag stelle ich die Frage, welche neuen Vortragsszenarien sich aus der Digitalisierung ergeben könnten, und eine der Antworten – die letzte – besteht in der Vermutung, dass sich im Zuge einer ‚Kollektivierung’ des Vortragswesens erstmals Situationen ergeben, in denen Sagen und Zeigen auch in der wissenschaftlichen Präsentation nicht mehr auf dasselbe Subjekt zulaufen. Für diese Entwicklung lassen sich – empirisch und künstlerisch – verschiedene Belege finden; in meinem Beitrag erprobe ich eine ganz einfache Anwendung des Prinzips: Statt selbst für die Online-Inhalte verantwortlich zu sein, die während meines Vortrags im Bild erscheinen, lasse ich Milan Matull von den TwoAntennas, die den IT-Support der Tagung besorgen, das Surfen übernehmen – ohne vorherige Absprachen:
In den Online-Shortcuts findet sich eine interessante Diskussion zu diesem Experiment: Kritisiert wird, dass diese Form des Mitsurfens dazu tendiert, einen hegemonialen Diskurs abzubilden, weil der schnelle Zugriff auf Online-Archive mehr oder weniger zwangsläufig Einträge aktualisiert, die ohnehin häufig aktualisiert werden - siehe zum Beispiel den Online-Shortcuts-Beitrag von Stefan Münte-Goussar (oben).
In meinem Beitrag selbst geht es auch um die neue Rekursivität von Vortrag und Archiv, die durch Online-Vortragsarchive entsteht. In welchem Zusammenhang steht sie eigentlich zu dem, was man die Verflüssigung von (Online-)Archiven genannt hat? „Archive in Bewegung“ ist der Titel, unter den Monika Fleischmann und Wolfgang Strauss von Netzspannung ihren Beitrag stellen. Es wird deutlich: Der Vortrag ist Schauplatz dieser Bewegung, dieser Verflüssigung. Doch inwiefern wird er zugleich von ihr erfasst?
Monika Fleischmann und Wolfgang Strauss schrieben mir im Nachtrag zum Kolloquium:
“Solche Experimente sind immer interessant - manchmal auch besonders erst rückwirkend!
Hier übrigens eine kurze Dokumentation und das Feedback auf eines
unserer ähnlichen Experimente von 1999: Memoria Futura - i2tv
und ein vergleichbares Blue Box Setting - mit “Performance Vortrag”: Virtual Striptease.”
Die Tagung endete am Abend des zweiten Tages mit einem performativen Experiment von Joshua Sofaer: Es handelte sich um die Simulation einer netzgesteuerten interativen Vortragsperformance. In meinem nächsten Blog-Beitrag werde ich auf dieses Experiment näher eingehen, um daran anschließend die praktischen Experimente in Sachen Online-Lectures vorzustellen, die nun - nach Durchführung des Kolloquiums - die zweite Phase meines Forschungsprojekts wesentlich prägen werden.
Hier abschließend noch die Online-Shortcuts-Beiträge von Armin Chodzinski (Analysen zur Bildpraxis), Ulrike Bergermann (”Moments of Bliss”), Boris Traue (Wiederkehr des Körpers) und Ramon Reichert (Selbst-Bekenntnis):
Am 9. und 10. Oktober fand auf Kampnagel in Hamburg das Kolloquium Die Performance der Lecture im Netz statt. In einem experimentellen technischen Setting ging es um neue Präsentationsformen von Wissen im Netz. Im Zentrum der Diskussion standen Themen wie die Personalisierung von Wissenschaft - Stichwort: Selbstunternehmertum und Biografismus -, die Kommerzialisierung von Wissen und Aufmerksamkeit, aber auch die Chancen, die sich aus den neuen medialen Settings für kollektives Arbeiten ergeben. Zu diesem Thema führte die Zentrale Intelligenz Agentur folgendes Experiment durch:
Eine umfassende Dokumentation des Kolloquiums wird hier in Kürze zu finden sein - unter anderem auch eine Dokumentation von “How to succed in buisness with … lecture”, einer performativen Untersuchung von so genannten “motivational lectures”. Wer sich über dieses Thema informieren möchte, dem sei die neue Zeitschrift für Medienwissenschaft empfohlen, in der ich einen Beitrag zu Motivational Lectures im Netz publiziert habe.
“Die Performance der Lecture im Netz”: Am 9. und 10. Oktober 2009 werden sich auf Kampnagel in Hamburg Wissenschaftlerinnen, Künstler und Web-Wizards treffen, um über die Digitalisierung des Vortrags zu sprechen und gemeinsam zu forschen: Nachmittags werden Forschungsergebnisse, Plattformen und Fundstücke im Greenscreen präsentiert. Abends stehen Lecture Performances auf dem Programm: Die Zentrale Intelligenz Agentur und Armin Chodzinski erproben am Freitag das Netz als Produktionsmittel für den experimentellen Vortrag. Am Samstag lädt Joshua Sofaer das Publikum in „The Many Headed Monster“ ein, kollektiv einen Vortrag über Publikumsbeteiligung zu halten.
Teil I: Netzwerke, Neue Wissenschaften, Selbstunternehmer
Freitag, 9.10.2009
16-17.30 Uhr
Henning Lobin:
Powerpointillismus und “The New Powerpoint Generation” - Probleme und Entwicklungstendenzen der wissenschaftlichen Präsentation
Powerpoint-Präsentation haben sich zu einer kommunikativen Gattung entwickelt, mit der auf einen konkreten Bedarf in einer arbeitsteilig
organisierten Wissenschaftsgesellschaft reagiert wird. Die Praxis des Präsentierens beruht aber auf medialen und rhetorischen Voraussetzungen, die der kommunikativen Situation oft nicht angemessen sind und die Anforderungen an eine wissenschaftliche Interaktion nicht erfüllen. Neuere Techniken des Präsentierens versuchen diese Unzulänglichkeiten zu überwinden, indem weitergehende Diskursmöglichkeiten geschaffen, multimodale Darstellungsweisen eingesetzt und grundlegende Metaphern erneuert werden. Im Vortrag werden die Merkmale des Powerpoint-Reduktionismus diagnostiziert und Entwicklungstendenzen dargestellt, aufgrund derer sich neue, dem Medium angemessene Präsentationspraktiken abzeichnen.
Marc Scheloske:
Transformationen der internen und externen Wissenschaftskommunikation durch wissenschaftliche Weblogs und andere onlinegestützte Medienformate
Auf der Bühne der Wissenschaftskommunikation sind in den letzten Jahren neue Akteure aufgetaucht. Wenn sich immer mehr Forscher selbst in Blogs oder bei Twitter mitteilen, wenn sie über Wissenschaft und als Wissenschaftler sprechen, dann muß letztlich auch das Drehbuch der Wissenschaftskommunikation umgeschrieben werden.
Doch wie stark verändert sich der (wissenschaftliche) Spielplan tatsächlich durch Blogs & Co.? Wie reagiert das Publikum im Zuschauerraum? Und welche Veränderungen vollziehen sich hinter den Kulissen? Auf diese und weitere Fragen sollen im Vortrag nach Antworten gesucht werden.
18-19.30 Uhr
Ramon Reichert:
Inszenierungen des Intellektuellen im Videoblog
Die rasante Verbreitung des Videoblogs hat auch die Inszenierungen des Intellektuellen maßgeblich beeinflusst. Als Subjekt und Objekt gesteigerter Aufmerksamkeit befinden sich die Videoblogger/innen in einem doppelten Status. Die Bewertung der Amateurvideos erfolgt nach dem medienökonomischen Vorbild der Direktwerbung: die Maxime der Direktwerbung besteht darin, nicht auf Massenmedien aufzuspringen, sondern auf sich selbst aufmerksam zu machen (Stichwort: Intellektuelle als Selbstunternehmer). So geht es bei der Herstellung von Aufmerksamkeitsbindung primär darum, Aufmerksamkeit in statistischen Quantitäten zu bündeln und demonstrativ zu visualisieren, um den Marktwert des eigenen Online-Formats zu steigern.
Stephan Münte-Goussar:
Open Access, selbstdarstellerisches Hochschulmarketing oder Lektion in digitaler Selbststeuerung?
Die Distribution audiovisueller Mitschnitte wissenschaftlicher Vorträge und Lehreinheiten trägt in der aktuellen Diskussion nicht selten das
Signum einer neuen - nun digitalen - Bildungsexpansion: Open Access, d.h. Wissen zu jeder Zeit, an jedem Ort und für alle! Die Gründe der Digitalisierung sind oft profaner: vermeintliche Kostenreduktion; mehrfach Verwertung der geleisteten Arbeit; Standardisierung von
Lehre; schlicht, weil man es kann. Entscheidender scheint aber die Vermutung, dass es gar nicht das Wissen ist, welches knapp und bisher
öffentlich nur schwer zugänglich ist; knapp ist allein Zeit und damit Aufmerksamkeit. Mit der zunehmend breiteren Veröffentlichung von
Wissen, wird dieses womöglich gar nicht vermehrt, sondern die Aufmerksamkeitsströme auf bestimmtes Wissen kanalisiert, also das
Wissen verknappt. Bildungseinrichtungen profilieren sich mit frei zugänglichen Bildungsangeboten im “Kampf um Talente”, d.h. um
potenzielle Träger von bestimmtem Wissen. Eine akademische Öffentlichkeit wird damit zum Markt. Die Potenziale - auch digital
unterstützter Formen - vorgeführter Forschung und interaktiver Lehre werden damit verspielt. Das Audiovisuelle Archiv wird zum
Dienstleistungsangebot, mittels dessen Lernende innerhalb maschinenlesbarer Datenarchitekturen, im Rahmen kleinteiliger
Feedbacksyteme, letztlich aber selbstgesteuert Wissen konsumieren können.
21 Uhr
Zentrale Intelligenz Agentur:
Telepronto
Kollaboration und Kohärenz im Vortragswesen
Die Zentrale Intelligenz Agentur wird in einem kollaborativ-interaktiven Experiment das Format ‘Vortrag’ performativ ausloten und die techno-sozialen Bedingungen der Produktion von Online-Vorträgen selbstreflexiv untersuchen. Im Zentrum stehen dabei unterschiedliche Figurationen von argumentativer Stringenz.
Armin Chodzinski:
How to succeed in business with…: lecture!
In der Online-Referentenagentur Speakers Excellence gibt es für jeden Erfolg einen Referenten und die Ladage Media GmbH hat seit 2006 an die 200 Firmenhymnen komponiert. Eine Betrachtungsweise auf die gesellschaftliche Transformation der Produktionsmittel heißt Organizational Behaviour und argumentiert mit der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow in Kombination mit Porter’s Five Forces. Und wenn Dick Hardt über Identity 2.0 Vorträge hält, dann macht er es im Stile von Lawrence Lessig, der einen Power-Point-Präsentations-Stil erfunden hat, der vor allem eines kann: Er kann im Internet veröffentlicht, live gehalten, aufbereitet, vorbereitet und gespielt werden. Aber wer präsentiert wen, wann und warum und was ist mit der Magie des Momentes, wenn der Moment ein Ort ohne Geographie aber mit größtmöglicher Ordnung ist?
Teil II: Archive Liveness, Wissenskünste
Samstag, 10.10.2009
14-15.30 Uhr
Boris Traue:
Life Hacking – Lecture und Tutorial als Selbstautorisierungsgeste
Gleichzeitig mit der Verbreitung von e-learning-Dispositiven sind textuelle und visuelle Praktiken des Selbermachens und –zeigens entstanden. Sie erinnern an die do-it-yourself-Bewegung der 1970er, speisen sich aber auch aus der Hackerethik. ‚Tutorial’-Videoclips verweisen dabei mehr auf den experimentellen und handwerksnahen
Gattungstyp der Demonstration als den akademischen der Präsentation. Das Zeigen von Fertigkeiten und Künsten im Netz kann dabei als Selbstautorisierungsgeste gelesen werden, die an audiovisuelle Darstellungskonventionen gebunden ist.
Ulrike Bergermann:
To whom it may concern: Konstitutive Nachträglichkeit im digitalen Archiv
In den 1940er Jahren trafen sich Mathematiker, EthnologInnen, Natur- und Sprachwissenschaftler und die, die später Informatiker heißen würden, in New York, um eine gemeinsame Theorie für alle Wissens- und Praxisformen zu finden. Die Macy-Konferenzen suchten unter dem Titel “Kybernetik” Paradigmen wie die Rückkopplung, die für alle Vorgänge im Lebewesen und der Maschine relevant wären. Shannons fünfteiliges Sender-Empfänger-Modell wird später Furore machen - und ein anderes Modell eines noch prominenteren Teilnehmers fast in Vergessenheit geraten lassen. Norbert Wieners Skizze von Nachrichten als “To whom it may concern-messages” wurde nicht zum Leitmotiv der kommenden Medien- oder Kommunikationswissenschaft. Wie ein Hormon im Körper, das erst an der Stelle, an der es gebraucht wird, seine Eigenschaften entfaltet, zirkuliert ein solcher Nachrichtentyp solange, bis der Empfänger die Botschaft lesen will und liest. Erst dann ist die Nachricht eine geworden. Der Empfang entscheidet über den Inhalt. Kein content ohne concern. Ist das nicht das passende Modell für Vorträge im Netz? Es trägt Elemente von Wahrscheinlichkeit, von Interesse, von Produktivität der RezipientInnen, von singulärer Emotionalität bis zur Schwarmintelligenz. “Zirkulieren” statt “senden”: Klingt das nur weniger direktiv, oder lässt sich das Netz wirklich als Zizeks “symbolische Eingeweide”, als umgestülpte Hierarchie des alten Verhältnisses von Rednersender und Empfängerverdauer entwerfen?
16-17.30 Uhr
Sibylle Peters:
online/offline – über die Zukunft des Vortrags als Performance
Aus der Verbindung von Vortrag und Web entwickeln sich neue Vortragsformate - Videoblogs, virtuelle Vorlesungen, Powerpoint-Präsentationen, die online zu Kurzfilmen werden, oder Live-Vortragssettings mit Twitter-Kommentarwand. Wenn Vorträge per Video aus Vorträgen zitieren und Diskussionspartner per Skype zugeschaltet werden, entstehen Hybride zwischen Live-Situation und Dokumentation, die auch die Grenzen zwischen Produktion und Rezeption unterlaufen. Mit seiner Digitalisierung tritt der Vortrag in sich selbst wieder ein. Und so geht es zwischen Powerpoint und Internet-Archiv immer schon um die Präsentation der Präsentation.
Monika Fleischmann & Wolfgang Strauss: Elektronische Arenas kommunikativer Performanz*
Experimente in elektronischen Arenas werden seit Mitte der 1990er Jahre - online und offline - von Künstlern und Kuratoren insbesondere in USA und Europa erprobt. Sie befassten sich mit Interaktivität, Virtualität und Performativität als Phänomene vernetzter Kommunikation. Im künstlerisch-wissenschaftlichen Kontext sind das Online-Inzenierungen wie das Streamen von Vorträgen in Hochschulen, Tele-Lectures als Lehrmaterial im Netz oder die Hypermedia Tele-Lecture, die während der Lecture Materialien aus zwei Archiven verbindet. Eine andere Form sind performative Lectures als Inszenierung auf der Bühne oder als vernetzte Community im Mixed-Reality-Raum wie die i2TV- Inszenierung von Ernst Jandls “Ottos Mops” oder der Dialog zweier Körper in “Murmuring Fields”, die Statements von Philosophen zum Sprechen bringen. Diese und weitere Beispiele performativer Kommunikation diskutieren die Frage kommunikativer Performanz in interaktiven Prozessen. Ziel unserer Arbeit ist, die Sprache der Interaktivität zu erforschen und für die Inszenierung von Information begehbare Mixed Reality Dialogräume zu entwerfen. Beispiele zu diesen Themen aus unserem Atelier/Labor “MARS” können auf der Netzplattform für Medienkunst - http://netzspannung.org/about/mars/projects/ - oder auf unserer Homepage - http://fleischmann-strauss.de/works.html - nachverfolgt werden.
18-19.30 Uhr
Online-Shortcuts . experimentelles Podium mit allen Vortragenden
21 Uhr
Joshua Sofaer:
The Many-Headed Monster
The audience of contemporary performance
In this presentation Joshua Sofaer will present The Many Headed Monster and consider how it might be translated into an online resource.
The Many-Headed Monster is an original and inventive resource for anyone interested in contemporary performance practices and their relationships with audiences. Across a range of artistic disciplines, artists are dealing with audiences in innovative and creative ways, placing the audience at the heart of their work. Contemporary culture is marked by the emancipation of the spectator and the transformation of the audience from passive recipient to active participant. The Many-Headed Monster is a critical and practical resource investigating what is at stake for audiences today when they attend a live event.
Das Programm der Konferenz “Die Performance der Lecture im Netz”, die am 9. und 10. Oktober auf Kampnagel in Hamburg stattfinden wird, ist komplett.
Die Konferenz ist als ein digitales Vortragslabor konzipiert: Die Präsentation von Wissen tritt als Forschung in Erscheinung. WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen diskutieren und erproben vernetzte Vortragsformate online und offline, im Greenscreen, im Netz und auf der Bühne. Powerpoint-Karaoke goes Online-Karaoke. Aufmerksamkeitsökonomie goes Wissenskunst.
Hier das Programm:
Freitag, 9.10. - Teil I: Netzwerke, Neue Wissenschaften, Selbstunternehmer
15. 30 Uhr
Begrüßung und Einführung
Sibylle Peters
16.00-17.30 Uhr
Marc Scheloske: Transformationen der internen und externen Wissenschaftskommunikation durch wissenschaftliche Weblogs und andere onlinegestützte Medienformate
Henning Lobin: Powerpointillismus und “The New Powerpoint Generation” –
Probleme und Entwicklungstendenzen der wissenschaftlichen Präsentation
18.00-19.30 Uhr
Ramon Reichert: Die Inszenierungen des Intellektuellen im Videoblog
Stephan Münte-Goussar: Open Access, selbstdarstellerisches Hochschulmarketing oder Lektion in digitaler Selbststeuerung?
21 Uhr
Zentrale Intelligenz Agentur: Telepronto. Kollaboration und Kohärenz im Vortragswesen
Armin Chodzinski: How to succeed in business with…: lecture
Samstag, 10.10.09 - Teil II: Archive, Liveness, Wissenskünste
14.00-15.30 Uhr
Boris Traue : Life Hacking – Lecture und Tutorial als Selbstautorisierungsgeste
Ulrike Bergermann: To whom it may concern: Konstitutive Nachträglichkeit im digitalen Archiv
16.00-17.30 Uhr
Sibylle Peters: online/offline: Über die Zukunft des Vortrags als Performance
Monika Fleischmann und Wolfgang Strauss: Lecture Performance im Netz oder vernetzt?
18.00-19.30 Uhr
Online-Shortcuts - experimentelles Podium mit allen Vortragenden
21 Uhr
Joshua Sofaer: The Many Headed Monster - The Audience of Contemporary Performance
(Ein Forschungsprogramm eingeladen von Sibylle Peters, veranstaltet im Rahmen des Forschungsverbunds “Interactive Science” am Zentrum für Medien und Interaktivität der Universität Gießen, gefördert von der VW-Stiftung im Programm “Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften”.)
Vergangene Woche hat der aus der Kooperation zwischen meinem Forschungsprojekt über Online-Vorträge, der geheimagentur und den TwoAntennas entstandene Abend im Thalia Theater Hamburg stattgefunden – vor überfülltem Saal mit über 100 Gästen und nicht weniger als 12, teilweise spontan aus dem Publikum sich meldenden Mitwirkenden.
Das konzeptionelle Spiel des Abends bestand darin, dass geheimagentur, Gäste und Publikum gemeinsam das virtuelle Vorlesungsverzeichnis einer fiktiven Bildungsanstalt, nämlich der „Abendschule der Verschwendung“, produzierten, das nun als Website mit diversen Videopräsentationen im Netz steht.
Im Rahmen von insgesamt 12 Kurzpräsentationen wurden Veranstaltungen angekündigt, die im Lehrplan einer solchen Institution nicht fehlen sollten. Thematisch wurde dabei das Thema der sich verändernden Wissensökonomien in Zeiten der Digitalisierung in den Fokus genommen. Das Spektrum der Beiträge erstreckte sich vom digitalen Aktivismus im sozialen Netzwerk (Mercedes Bunz), über Müßiggängerei bis zu absurden Online-Archiven, in denen Fotos von Plastikstühlen aus aller Welt gesammelt werden.
Aus der Perspektive des Forschungsprojekts war insbesondere das Produktions-Setup von Interesse, denn der szenische Rahmen erzeugte eine spezielle Ambivalenz: Es sollten Online-Vorträge aufgezeichnet werden und zwar so, dass dies auch für die Live-Situation der Aufnahme, also für ein Live-Publikum, von Interesse wäre. Bislang sind Online-Vorträge dagegen meist recht eindeutig danach zu differenzieren, ob sie für die Live-Situation gehalten und dann in zweiter Linie aufgezeichnet werden, ob sie also Dokument der Live-Situation sind, oder ob sie andererseits, zum Beispiel in Form eines Video-Blogbeitrags, speziell für das Netz produziert werden.
In der Abendschule der Verschwendung entstand ein Zwitter. Technisch fand dies im Einsatz von Greenscreen-Technik gekoppelt mit Live-Internet-Surfen eine Umsetzung.
Stellen sich Vortragende in einen Greenscreen, ist es möglich, sie nach dem Modell des Wetterberichts vor beziehungsweise in ihrer Präsentation abzubilden. Der Sprecher wird also per Videotrick in das Bild gebracht, das er zeigt und kann mittels Monitor auch mit den Bildern interagieren, die seine Vortragsperformance rahmen und ihn im Zuge dieser Interaktion selbst zu einem Element des Gezeigten machen.
Im Falle der Abendschule der Verschwendung wurden die Vortragenden jeweils vor bzw. in den von ihnen präsentierten Web-Inhalten gezeigt und zusätzlich durch eine analoge grafische Ebene der Darstellung zu diesen Web-Inhalten in Beziehung gesetzt. Besonders interessant: Auch spontan nahmen einzelne Zuschauer die Möglichkeiten, die dieses technische Setup bot, für eigene Kurzpräsentationen in Anspruch.
Die Greenscreen-Technik greift wesentlich in den Aufbau des Live-Vortragsszenarios ein und schafft zwei Bühnen: Die Greenscreen-Bühne, in der das Publikum hell erleuchtet nur die Person des Vortragenden ohne alle Hilfsmittel sieht, und den Screen, den Projektionsschirm, auf dem quasi als kollektiver Vorschaumonitor das Bild erscheint, das später auf der Website zu sehen sein wird. Der Greenscreen hebt den Vortragenden also hervor und markiert zugleich einen Nicht-Ort, der unübersehbar auf den virtuellen Raum verweist, in dem der Vortrag als Präsentation seinerseits präsentiert wird. Einen Online-Vortrag im Greenscreen vor Live-Publikum zu halten, verwandelt das Vortragsszenario selbst potentiell in eine Making-of-Situation, die das Publikum einschließt.
Das Szenario wurde durch Feedback-Möglichkeiten wesentlich ergänzt: Dank einer Software, die vom Interactive-Science-Projekt über wissenschaftliche Präsentation, insbesondere von Philipp Niemann und Hans-Jürgen Bucher bereit gestellt wurde, konnte das Publikum per SMS Kommentare abgeben, die als eine Art Motto über der Greenscreen-Bühne projiziert wurden.
Die aus dem Konzept erwachsenen technischen Anforderungen und die dadurch ziemlich komplexe Einrichtung der Live-Situation waren eine Herausforderung, die uns an Grenzen führte - wie unter experimentellen Bedingungen nicht anders zu erwarten. Leider gab es dadurch auch bittere Datenverluste. In jedem Fall ergeben sich aus den Erfahrungen dieses Projekts viel versprechende neue Möglichkeiten für die praktische Forschung auch im Hinblick auf das Kolloquium im Oktober.
Am 28.5.2009 werde ich gemeinsam mit der geheimagentur einen Abend im Thalia-Nachtasyl (Hamburg) rund um das Thema Online-Vorträge bestreiten. Es handelt sich um den dritten Teil der Reihe “Abendschule der Verschwendung”. Hier der Kurztext aus dem Programmheft:
Die Abendschule der Verschwendung vermittelt Strategien gegen die Logik der Verknappung, die uns alle im Griff hält. Das ist keineswegs nur eine Sache des Geldes. Auch Aufmerksamkeit und Bildung, Zeit und Wissen werden scheinbar immer knapper. Welche Verschwendungsstrategien wirken dagegen? Und kann die Abendschule selbst zu so einer Strategie werden? Wir präsentieren die besten und merkwürdigsten Online-Vorträge zum Thema und steigen dann selbst ins Teleteaching ein: Mit unseren Zuschauern und Gästen produzieren wir live den Videoblog der Abendschule, positionieren uns im ‚social network’ und lassen die Credits klingeln. Die Bühne wird Studio: Lehraufträge für alle.
Die Abendschule der Verschwendung wird dem Publikum an diesem Abend ihr virtuelles Vorlesungsverzeichnis vorstellen. Geheimagentur und Gäste präsentieren webbasierte Veranstaltungen, die sie im Rahmen einer solchen Abendschule durchführen möchten. Dann heißt es “Open Mouse” – jeder kann sich anschließen. Außerdem kann das Publikum per SMS-Wand das Geschehen des Abends live kommentieren. Eingeladen sind: Ulrike Bergermann, Mercedes Bunz, Jürgen Kuttner, Martin Schäfer und die TwoAntennas.
In Reaktion auf den Call for Papers zum Kolloquium über Online-Vorträge im Oktober schreibt Medienwissenschaftlerin Ulrike Bergermann in einer EMail:
“vorträge im netz sind to-whom-it-may-concern-messages, und dazu gibt es einen historischen diskurs zwischen den sender-empfänger-modellen.
natürlich zirkulieren bücher auch, aber sie sind öfter in regalen, privaten oder öffentlich verwalteten, als zwischen den augen unterwegs. vorträge online heißt erstens verfügbarkeit und zweitens, was mich hier mehr interessiert: es sind stimmen, die jederzeit lossprechen können, wenn sie jemand hören will. wie in der frühzeit der kybernetik, als neben das informationstechnische übertragungsmodell von sender zum empfänger (und ausdifferenzierungen) ein anderes trat, was man als “to whom it may concern-messages” beschrieben hat (wiener, rekapituliert von schüttpelz). entsprechend den hormonen, die als potentielle kommunikationsträger in der blutbahn zirkulieren, bis ein organ die chemische botschaft aussendet, dass es andocken soll: dann wird es sinnvoll, überträgt seinen inhalt – aber nicht, bevor der empfänger seinen botschaften-bedarf gesendet hat.”