Kolloquium-Programm – extended version!

“Die Performance der Lecture im Netz”: Am 9. und 10. Oktober 2009 werden sich auf Kampnagel in Hamburg Wissenschaftlerinnen, Künstler und Web-Wizards treffen, um über die Digitalisierung des Vortrags zu sprechen und gemeinsam zu forschen: Nachmittags werden Forschungsergebnisse, Plattformen und Fundstücke im Greenscreen präsentiert. Abends stehen Lecture Performances auf dem Programm: Die Zentrale Intelligenz Agentur und Armin Chodzinski erproben am Freitag das Netz als Produktionsmittel für den experimentellen Vortrag. Am Samstag lädt Joshua Sofaer das Publikum in „The Many Headed Monster“ ein, kollektiv einen Vortrag über Publikumsbeteiligung zu halten.

Teil I: Netzwerke, Neue Wissenschaften, Selbstunternehmer
Freitag, 9.10.2009

16-17.30 Uhr

Henning Lobin:
Powerpointillismus und “The New Powerpoint Generation” – Probleme und Entwicklungstendenzen der wissenschaftlichen Präsentation

Powerpoint-Präsentation haben sich zu einer kommunikativen Gattung entwickelt, mit der auf einen konkreten Bedarf in einer arbeitsteilig
organisierten Wissenschaftsgesellschaft reagiert wird. Die Praxis des Präsentierens beruht aber auf medialen und rhetorischen Voraussetzungen, die der kommunikativen Situation oft nicht angemessen sind und die Anforderungen an eine wissenschaftliche Interaktion nicht erfüllen. Neuere Techniken des Präsentierens versuchen diese Unzulänglichkeiten zu überwinden, indem weitergehende Diskursmöglichkeiten geschaffen, multimodale Darstellungsweisen eingesetzt und grundlegende Metaphern erneuert werden. Im Vortrag werden die Merkmale des Powerpoint-Reduktionismus diagnostiziert und Entwicklungstendenzen dargestellt, aufgrund derer sich neue, dem Medium angemessene Präsentationspraktiken abzeichnen.

Marc Scheloske:
Transformationen der internen und externen Wissenschaftskommunikation durch wissenschaftliche Weblogs und andere onlinegestützte Medienformate

Auf der Bühne der Wissenschaftskommunikation sind in den letzten Jahren neue Akteure aufgetaucht. Wenn sich immer mehr Forscher selbst in Blogs oder bei Twitter mitteilen, wenn sie über Wissenschaft und als Wissenschaftler sprechen, dann muß letztlich auch das Drehbuch der Wissenschaftskommunikation umgeschrieben werden.
Doch wie stark verändert sich der (wissenschaftliche) Spielplan tatsächlich durch Blogs & Co.? Wie reagiert das Publikum im Zuschauerraum? Und welche Veränderungen vollziehen sich hinter den Kulissen? Auf diese und weitere Fragen sollen im Vortrag nach Antworten gesucht werden.

18-19.30 Uhr

Ramon Reichert:
Inszenierungen des Intellektuellen im Videoblog

Die rasante Verbreitung des Videoblogs hat auch die Inszenierungen des Intellektuellen maßgeblich beeinflusst. Als Subjekt und Objekt gesteigerter Aufmerksamkeit befinden sich die Videoblogger/innen in einem doppelten Status. Die Bewertung der Amateurvideos erfolgt nach dem medienökonomischen Vorbild der Direktwerbung: die Maxime der Direktwerbung besteht darin, nicht auf Massenmedien aufzuspringen, sondern auf sich selbst aufmerksam zu machen (Stichwort: Intellektuelle als Selbstunternehmer). So geht es bei der Herstellung von Aufmerksamkeitsbindung primär darum, Aufmerksamkeit in statistischen Quantitäten zu bündeln und demonstrativ zu visualisieren, um den Marktwert des eigenen Online-Formats zu steigern.

Stephan Münte-Goussar:
Open Access, selbstdarstellerisches Hochschulmarketing oder Lektion in digitaler Selbststeuerung?

Die Distribution audiovisueller Mitschnitte wissenschaftlicher Vorträge und Lehreinheiten trägt in der aktuellen Diskussion nicht selten das
Signum einer neuen – nun digitalen – Bildungsexpansion: Open Access, d.h. Wissen zu jeder Zeit, an jedem Ort und für alle! Die Gründe der Digitalisierung sind oft profaner: vermeintliche Kostenreduktion; mehrfach Verwertung der geleisteten Arbeit; Standardisierung von
Lehre; schlicht, weil man es kann. Entscheidender scheint aber die Vermutung, dass es gar nicht das Wissen ist, welches knapp und bisher
öffentlich nur schwer zugänglich ist; knapp ist allein Zeit und damit Aufmerksamkeit. Mit der zunehmend breiteren Veröffentlichung von
Wissen, wird dieses womöglich gar nicht vermehrt, sondern die Aufmerksamkeitsströme auf bestimmtes Wissen kanalisiert, also das
Wissen verknappt. Bildungseinrichtungen profilieren sich mit frei zugänglichen Bildungsangeboten im “Kampf um Talente”, d.h. um
potenzielle Träger von bestimmtem Wissen. Eine akademische Öffentlichkeit wird damit zum Markt. Die Potenziale – auch digital
unterstützter Formen – vorgeführter Forschung und interaktiver Lehre werden damit verspielt. Das Audiovisuelle Archiv wird zum
Dienstleistungsangebot, mittels dessen Lernende innerhalb maschinenlesbarer Datenarchitekturen, im Rahmen kleinteiliger
Feedbacksyteme, letztlich aber selbstgesteuert Wissen konsumieren können.

21 Uhr

Zentrale Intelligenz Agentur:
Telepronto
Kollaboration und Kohärenz im Vortragswesen

Die Zentrale Intelligenz Agentur wird in einem kollaborativ-interaktiven Experiment das Format ‘Vortrag’ performativ ausloten und die techno-sozialen Bedingungen der Produktion von Online-Vorträgen selbstreflexiv untersuchen. Im Zentrum stehen dabei unterschiedliche Figurationen von argumentativer Stringenz.

Armin Chodzinski:
How to succeed in business with…: lecture!

In der Online-Referentenagentur Speakers Excellence gibt es für jeden Erfolg einen Referenten und die Ladage Media GmbH hat seit 2006 an die 200 Firmenhymnen komponiert. Eine Betrachtungsweise auf die gesellschaftliche Transformation der Produktionsmittel heißt Organizational Behaviour und argumentiert mit der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow in Kombination mit Porter’s Five Forces. Und wenn Dick Hardt über Identity 2.0 Vorträge hält, dann macht er es im Stile von Lawrence Lessig, der einen Power-Point-Präsentations-Stil erfunden hat, der vor allem eines kann: Er kann im Internet veröffentlicht, live gehalten, aufbereitet, vorbereitet und gespielt werden. Aber wer präsentiert wen, wann und warum und was ist mit der Magie des Momentes, wenn der Moment ein Ort ohne Geographie aber mit größtmöglicher Ordnung ist?

Teil II: Archive Liveness, Wissenskünste
Samstag, 10.10.2009

14-15.30 Uhr

Boris Traue:
Life Hacking – Lecture und Tutorial als Selbstautorisierungsgeste

Gleichzeitig mit der Verbreitung von e-learning-Dispositiven sind textuelle und visuelle Praktiken des Selbermachens und –zeigens entstanden. Sie erinnern an die do-it-yourself-Bewegung der 1970er, speisen sich aber auch aus der Hackerethik. ‚Tutorial’-Videoclips verweisen dabei mehr auf den experimentellen und handwerksnahen
Gattungstyp der Demonstration als den akademischen der Präsentation. Das Zeigen von Fertigkeiten und Künsten im Netz kann dabei als Selbstautorisierungsgeste gelesen werden, die an audiovisuelle Darstellungskonventionen gebunden ist.

Ulrike Bergermann:
To whom it may concern: Konstitutive Nachträglichkeit im digitalen Archiv

In den 1940er Jahren trafen sich Mathematiker, EthnologInnen, Natur- und Sprachwissenschaftler und die, die später Informatiker heißen würden, in New York, um eine gemeinsame Theorie für alle Wissens- und Praxisformen zu finden. Die Macy-Konferenzen suchten unter dem Titel “Kybernetik” Paradigmen wie die Rückkopplung, die für alle Vorgänge im Lebewesen und der Maschine relevant wären. Shannons fünfteiliges Sender-Empfänger-Modell wird später Furore machen – und ein anderes Modell eines noch prominenteren Teilnehmers fast in Vergessenheit geraten lassen. Norbert Wieners Skizze von Nachrichten als “To whom it may concern-messages” wurde nicht zum Leitmotiv der kommenden Medien- oder Kommunikationswissenschaft. Wie ein Hormon im Körper, das erst an der Stelle, an der es gebraucht wird, seine Eigenschaften entfaltet, zirkuliert ein solcher Nachrichtentyp solange, bis der Empfänger die Botschaft lesen will und liest. Erst dann ist die Nachricht eine geworden. Der Empfang entscheidet über den Inhalt. Kein content ohne concern. Ist das nicht das passende Modell für Vorträge im Netz? Es trägt Elemente von Wahrscheinlichkeit, von Interesse, von Produktivität der RezipientInnen, von singulärer Emotionalität bis zur Schwarmintelligenz. “Zirkulieren” statt “senden”: Klingt das nur weniger direktiv, oder lässt sich das Netz wirklich als Zizeks “symbolische Eingeweide”, als umgestülpte Hierarchie des alten Verhältnisses von Rednersender und Empfängerverdauer entwerfen?

16-17.30 Uhr

Sibylle Peters:
online/offline – über die Zukunft des Vortrags als Performance

Aus der Verbindung von Vortrag und Web entwickeln sich neue Vortragsformate – Videoblogs, virtuelle Vorlesungen, Powerpoint-Präsentationen, die online zu Kurzfilmen werden, oder Live-Vortragssettings mit Twitter-Kommentarwand. Wenn Vorträge per Video aus Vorträgen zitieren und Diskussionspartner per Skype zugeschaltet werden, entstehen Hybride zwischen Live-Situation und Dokumentation, die auch die Grenzen zwischen Produktion und Rezeption unterlaufen. Mit seiner Digitalisierung tritt der Vortrag in sich selbst wieder ein. Und so geht es zwischen Powerpoint und Internet-Archiv immer schon um die Präsentation der Präsentation.

Monika Fleischmann & Wolfgang Strauss:
Elektronische Arenas kommunikativer Performanz*

Experimente in elektronischen Arenas werden seit Mitte der 1990er Jahre – online und offline – von Künstlern und Kuratoren insbesondere in USA und Europa erprobt. Sie befassten sich mit Interaktivität, Virtualität und Performativität als Phänomene vernetzter Kommunikation. Im künstlerisch-wissenschaftlichen Kontext sind das Online-Inzenierungen wie das Streamen von Vorträgen in Hochschulen, Tele-Lectures als Lehrmaterial im Netz oder die Hypermedia Tele-Lecture, die während der Lecture Materialien aus zwei Archiven verbindet. Eine andere Form sind performative Lectures als Inszenierung auf der Bühne oder als vernetzte Community im Mixed-Reality-Raum wie die i2TV- Inszenierung von Ernst Jandls “Ottos Mops” oder der Dialog zweier Körper in “Murmuring Fields”, die Statements von Philosophen zum Sprechen bringen. Diese und weitere Beispiele performativer Kommunikation diskutieren die Frage kommunikativer Performanz in interaktiven Prozessen. Ziel unserer Arbeit ist, die Sprache der Interaktivität zu erforschen und für die Inszenierung von Information begehbare Mixed Reality Dialogräume zu entwerfen. Beispiele zu diesen Themen aus unserem Atelier/Labor “MARS” können auf der Netzplattform für Medienkunst - http://netzspannung.org/about/mars/projects/ – oder auf unserer Homepage – http://fleischmann-strauss.de/works.html – nachverfolgt werden.

18-19.30 Uhr

Online-Shortcuts . experimentelles Podium mit allen Vortragenden

21 Uhr

Joshua Sofaer:
The Many-Headed Monster
The audience of contemporary performance

In this presentation Joshua Sofaer will present The Many Headed Monster and consider how it might be translated into an online resource.
The Many-Headed Monster is an original and inventive resource for anyone interested in contemporary performance practices and their relationships with audiences. Across a range of artistic disciplines, artists are dealing with audiences in innovative and creative ways, placing the audience at the heart of their work. Contemporary culture is marked by the emancipation of the spectator and the transformation of the audience from passive recipient to active participant. The Many-Headed Monster is a critical and practical resource investigating what is at stake for audiences today when they attend a live event.

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