Die Performance der Lecture im Netz – Dokumentation

Durch die hohe Anzahl an Flashplayern kann das Laden der Dokumentation eine Minute dauern. Wenn einzelne Videos beim ersten Laden des Blogs nicht angezeigt werden sollten: Einfach noch einmal laden, dann erledigt sich dieses Problem.

Die Tagung „Die Performance der Lecture im Netz“ war eine Versuchsanordnung, eine Werkstatt für die Analyse und die Produktion von Wissenspräsentationen im Netz:
In der Halle P1 auf Kampnagel (Theaterfabrik in Hamburg) standen sich ein Greenscreen mit einer kleinen Rednerbühne und eine Projektionsfläche gegenüber. Die Vortragenden präsentierten ihre Beiträge vor dem Greenscreen.

vortragslabor2
Ulrike Bergermann vor dem Greenscreen, Foto: Marc Scheloske

Sie zeigten dazu in erster Linie Online-Inhalte – Websites, Bilder und Videos. Auf der Projektionsfläche wurden die Aufnahme des Greenscreens und die Screen-Inhalte des für die Präsentation genutzten Rechners ineinander geblendet. Auf diese Weise standen die Vortragenden während ihrer Präsentation in gewisser Weise ihrem Spiegelbild gegenüber, das vor beziehungsweise inmitten den präsentierten Inhalten erschien. Auch der Twitterfeed zur Tagung wurde in das Bild eingeblendet, sobald sich hier aktuelle Einträge fanden.

vortragslabor
Die TwoAntennas vor der Projektion, Foto: Marc Scheloske

Die Online-Videos geben dieses gespiegelte Bild wieder; sie zeigen also genau das, was Vortragende und TeilnehmerInnen im Moment der Präsentation selbst auf der Projektionsfläche gesehen haben, zeigen jedoch gerade nicht die mediale und räumliche Anordnung der Tagung selbst: Zwischen Greenscreen-Bühne und Projektionsfläche fand das Geschehen der Tagung statt – die Tagungsteilnehmer saßen meist an Tischen und hatten die Möglichkeit über Wlan ebenfalls online zu gehen.

Die Versuchsanordnung hatte im Hinblick auf das Tagungsthema folgende Ziele:

Online gestellte Mitschnitte von Vorträgen übertragen die Beziehungen von Sagen und Zeigen, die ein Vortragsszenario auszeichnen, in ein neues Medium. Die damit einhergehenden Probleme werden selten befriedigend gelöst, und zwar schon deshalb, weil diese Beziehungen nicht ausreichend reflektiert und in den Fokus genommen werden, aber auch weil jede mediale Übertragung diese Beziehungen zwangsläufig de- und refiguriert.

Die vorliegende Versuchsanordnung bringt mittels der Greenscreen-Technik das, was gesagt wird und das, was gezeigt wird, in dasselbe Bild. Sie beansprucht nicht, damit eine hinreichende Lösung für das skizzierte Problem zu bieten, sondern sollte einen Spielraum für die Frage eröffnen, wie mediale Veränderungen nicht nur die Präsentation von Wissen verändern, sondern auch die grundlegende Produktion von Evidenz – das Verhältnis von Sagen und Zeigen.

Dadurch dass die Vortragenden und die Inhalte ihrer Vorträge in einem Bild erscheinen, sind Sagen und Zeigen in ihrer Beziehung zueinander auf neue Weise beobachtbar – und zwar nicht zuletzt für die Vortragenden selbst, die während ihrer Präsentation immer schon mit der Präsentation ihrer Präsentation konfrontiert sind.

Die Versuchsanordnung schafft eine Ambivalenz zwischen Produktionssetting und Dokumentation: Eine Live-Situation wird für die Produktion von Online-Lectures eingerichtet und doch damit zugleich als Live-Situation gestaltet. Weder diente die Live-Situation allein der Produktion der Online-Lectures, noch diente die mediale Anordnung lediglich der Dokumentation einer im wesentlichen live stattfindenden Veranstaltung. Durch diese Ambivalenz sollte die Beziehung zwischen Online- und Offline-Vortrag fraglich bleiben und in Frage stehen. Die hier präsentierten Online-Lectures sind zugleich Produkt und Spur des Tagungs-Geschehens.

In einer die Tagung abschließenden Session mit dem Titel Online-Shortcuts reflektierten die TeilnehmerInnen im Greenscreen noch einmal über die entstandenen Bilder und Aufzeichnungen. Diese Kurzbeiträge können möglicherweise am ehesten zeigen, ob die Versuchsanordnung den genannten Zielen gerecht geworden ist:

Online Shortcuts: Henning Lobin from Two Antennas on Vimeo.

Online Shortcuts: Stephan Münte-Goussar from Two Antennas on Vimeo.

Online Shortcuts: Philipp Albers from Two Antennas on Vimeo.

Teil 1: Neue Wissenschaften, Selbstunternehmertum, Netzwerke

Aus der Perspektive der Vortragsforschung ist die Entwicklung der Online-Lecture eine vergleichsweise spektakuläre Neuerung: Erstmals gehen Vorträge nicht nur als Texte, sondern als Performances ins Archiv ein. Doch möglicherweise sind nicht nur online zugängliche audiovisuelle Mitschnitte von Live-Vorträgen als Online-Lecture zu verstehen. Auch Live-Vorträge, die in besonderer Weise mit Online-Settings verbunden sind und auf Online-Anwendungen basieren, könnten als Online-Lectures bezeichnet werden. Beide Formen der Online-Lecture verbindet, dass sie immer schon als Präsentation der Präsentation erscheinen, ein Merkmal, das sie zugleich mit der Powerpoint-Präsentation, ihrem unmittelbaren Vorläufer verbindet, über den Henning Lobin in seinem einleitenden Beitrag spricht:

Aus der Perspektive der Web-2.0-Forschung sind Online-Lectures lediglich ein kleiner Nebenschauplatz. Sie sind bei weitem nicht so beachtet wie zum Beispiel die wissenschaftlichen Blogs, deren Vorzüge Marc Scheloske in seinem Beitrag bespricht:

Marc Scheloske sieht Blogs als eine Bühne, auf der Wissenschaftler sich als Menschen zeigen (Minute 16.00 ff.).
In welchem Maße dies immer schon Inszenierung ist, und wie kritisches Licht auf diese neue Form der Inszenierung zu werfen wäre, diskutiert Ramon Reichert in seinem Beitrag über den Blog es österreichischen Intellektuellen Robert Misik:

Ob Videoblogs, wie die in diesem Beitrag analysierten, sinnvoll als ein neues Online-Vortragsformat betrachtet werden können, ist fraglich. Zumindest kann diese mögliche Verwandtschaft nicht den Befund einschränken, dass Vortragsszenarien und Web2.0-Szenarien nicht ohne weiteres kompatibel sind: Vorträge sind weit sperriger – schon in den Dimensionen von Zeit, Daten, Speicherplatz – als die Kommunikationsformen, die im Web 2.0 derzeit boomen. Interaktivität, Dialogizität – dies sind nicht gerade Vokabeln, die einem zum Format des Vortrags klassischerweise zuerst einfallen würden.
Dennoch trifft die Kritik, die derzeit an Web-2.0-Techniken und -Kulturen geübt wird, auch das Phänomen der Online-Lecture: Auch in Online-Lectures wird jene Tendenz zur Personalisierung, zum ökonomischen Biografismus, zum gouvernementalen Einsatz des Selbst wirksam, die Ramon Reichert herausarbeitet. Und auch Online-Lectures sind Teil der Ökonomisierung von Aufmerksamkeit und Wissen, wie sie von Stephan Münte-Goussar vor allem im zweiten Teil seines Beitrags diskutiert wird (z.B. ab Minuten 30.40):

Die Vortragsexperimente, die am Abend im Anschluss an den ersten Teil der Tagung stattfanden, und eigens zur Tagung in Auftrag gegeben worden waren, untersuchten auf überraschende Weise genau jene Fragen, die sich aus den Beiträgen des Tages entwickelt hatten.
Die Zentrale Intelligenz Agentur setzte am Punkt der Inkompatibilität zwischen klassischem Vortragsszenario und Web 2.0 Kommunikationsstrategien an und erprobte eine experimentelle Synthese in Richtung auf einen kollektiven Vortrag (man beachte insbesondere Minute 5.30 bis 6.30). Dabei wurde die Inkompatibilität beider Formen jedoch weder aufgelöst, noch verdeckt, sondern als komisches Element in Szene gesetzt:

Armin Chodzinski sezierte in seiner Lecture Performance „How to succeed in buisness with … lecture“ die online stark vertretene Form der motivational lecture, die innerhalb und außerhalb des Rahmens von Management-Seminaren „Life Leadership“ verkauft. Er analysierte damit ein Genre, in dem ökonomische Selbsttechniken in zuweilen fast unerträglich direkter Weise verhandelt, und vor allem: gehandelt, werden.
Ob die ‚motivational lecture’ damit für das digitale Votragswesen in gewisser Weise modellbildend oder gar diskursbeherrschend ist oder im Begriff ist zu werden, ist eine interessante Frage, die es weiter zu verfolgen gilt.
Armin Chodzinski interessiert sich seiner performativen Analyse zunächst für die formale Genese und die Charakteristiken des Genres. Er deckt die Strategien auf, mit denen Autorität erzeugt wird (ca. Minute 24 ff.), und konzentriert sich dann auf das Sehnsuchtsmoment, mit dem die Redner der Agentur „Speaker’s Excellence“ mit ihrem Life-Leadership-Angebot rechnen können.
Ramon Reichert hatte in seiner Analyse vom Zweifel an der kritischen Position gesprochen: Von welcher Sprecher-Instanz her können neue Selbsttechniken überhaupt kritisch in den Blick genommen werden? Welche Rolle spielt kritische Distanznahme als solche im Spiel der Selbstinszenierung? Wie kann ‚ich’ ‚mich’ überhaupt widerständig zeigen in Sachen Selbst-Technik?
Während Reichert selbst interessanter Weise gerade in dieser, sehr eindrücklichen Passage seines Beitrags beinahe aus dem Greenscreen zu fliehen scheint (ca. 13.30 ff.), setzt sich Armin Chodzinski genau in dem durch diese Frage aufgespannten Bühnenraum unablässig selbst in Szene: Er de-konstruiert die Autorität seiner Sprecherposition, versucht seinen ‚Sehnsuchtsmoment’ offenzulegen und findet und performt vor dem Spiegel der Greenscreen-Projektion Formen von instant pleasure, in denen das selbstausbeuterische und voll durchökonomisierte Ich sich auf ein Moment der juissance hin überschreitet (ca. Minute 45).

Teil II: Archive, Liveness, Wissenkünste

Der zweite Teil der Tagung wurde mit dem Beitrag von Boris Traue über Online-Tutorials eröffnet. Für mich war dabei besonders die Beziehung zwischen Tutorial und Präsentation von Interesse: Während Tutorials ein How-to vermitteln, geht es – so Traue einleitend – bei Präsentationen um die Vergegenwärtigung eines Gegenstands, dessen Gegebenheit im Zuge der Präsentation voraussetzend beglaubigt wird. Beide Formate haben jedoch den Vortragscharakter gemeinsam, beide Szenarien verknüpfen Sagen und Zeigen in jeweils spezifischer Weise.
Zeigen sich im Netz, also im Zuge der Digitalisierung des Vortragswesens, neue Konstellationen, neue Übergänge zwischen How-to-Demonstrationen und Präsentationen?
Traue behandelt in seinem Beitrag Formen von Tutorials, in denen es um die Medialisierung von Wissensformen geht, die klassischer Weise eher Face-to-Face vermittelt werden, wie Tanzschritte und Schminktechniken:

Gerade im Bereich Tanz haben sich in den letzten Jahren Übergänge zwischen Demonstrationen im Sinne des How-to und Demonstrationen im Sinne der wissenschaftlichen Analyse entwickelt, dies ist jedoch eher nicht durch neue Medien angestoßen worden, sondern Teil einer Annäherung von Kunst und Wissenschaft. Nichtsdestoweniger bieten sich heute ganz neue Möglichkeiten für die Medialisierung informellen Wissens – „how to“ hat im Netz Konjunktur. Beeinflusst diese Konjunktur auch die Praxis wissenschaftlicher Präsentationen?

Auf der Suche nach möglichen neuen Übergängen hilft der Tontechniker weiter, der die Tagung in der Halle P1 auf Kampnagel betreut. Tontechniker Paul Mayr berichtet, dass er selbst im Fernstudium Informatik studiert, zuweilen, wenn nichts zu tun ist, auch während der Veranstaltungen, die er als Tontechniker betreut. Für dieses Fernstudium nutzt er häufig Videolectures, genauer gesagt: Tutorials, und zwar immer dann, wenn ihm ein Lerninhalt aus dem Studium der Texte nicht klar wird.

Die Recherche zeigt tatsächlich: eine große Zahl der im Netz verfügbaren Tutorials, gerade derjenigen, die auf wissenschaftsnahen Servern zu finden sind, besteht aus How-To-Demonstrationen aus dem Bereich der Informatik, aus dem Bereich also, der das Medium, in dem wir uns hier bewegen, allererst produziert. Dies ist interessant, weil die Informatik als Zwitter aus Mathematik, Logik/Linguistik und Ingenieurswissenschaften ohnehin ein Bereich ist, in dem die Praxis der Demonstration zwischen logischer Demonstration und How-To-Demonstration changiert. Paul Mayr ist im übrigen nicht begeistert von Niveau und Ausrichtung unserer Tagung, weil ihm die How-to-Perspektive insgesamt unterbewertet zu sein scheint. Er spricht den Vortragenden eine How-to-Kompetenz im Hinblick auf ihren Gegenstand ab. Im Anschluss an die Tagung ergibt sich aus dieser Bemerkung eine kurze Debatte zum Verhältnis von Expertise und Analyse/Kritik.

Im Beitrag von Boris Traue stand allerdings ein ganz anderer Zusammenhang im Zentrum, nämlich die Frage nach der Selbstautorisierung, die sich mit der Präsentation von How-to-Videos verbindet. Das Netz 2.0 erscheint einmal mehr als ein Spektakel der Partizipation und der imaginären Adressaten. „To whom it may concern“, der Beitrag von Ulrike Bergermann, schließt an diesem Punkt an und stellt – immer auch in wissenshistorischer Perspektive – Kommunikationsmodelle zur Diskussion, die sich auf Online-Lectures anwenden lassen. Die Präsentation selbst hat dabei experimentellen Charakter, denn für den Greenscreen hat Ulrike Bergermann unzählige vor allem filmische Darstellungen solcher Kommunikationsmodelle zusammengestellt. Sie illustrieren ihre Präsentation im besonderer Weise: Zum einen sind sie Gegenstand des Vortrags, zum anderen rahmen sie den Vortrag visuell, so dass sich auf der performativen Ebene unablässig die Frage stellt, ob sich das Kommunikationsgeschehen des Vortrags als solches in diesen Bildern erklärt oder nicht, ob es in ihnen untergeht oder sich mit ihnen zu etwas anderem verbindet:

Auch meine Präsentation hatte in gewissem Maße experimentellen Charakter. In meinem Beitrag stelle ich die Frage, welche neuen Vortragsszenarien sich aus der Digitalisierung ergeben könnten, und eine der Antworten – die letzte – besteht in der Vermutung, dass sich im Zuge einer ‚Kollektivierung’ des Vortragswesens erstmals Situationen ergeben, in denen Sagen und Zeigen auch in der wissenschaftlichen Präsentation nicht mehr auf dasselbe Subjekt zulaufen. Für diese Entwicklung lassen sich – empirisch und künstlerisch – verschiedene Belege finden; in meinem Beitrag erprobe ich eine ganz einfache Anwendung des Prinzips: Statt selbst für die Online-Inhalte verantwortlich zu sein, die während meines Vortrags im Bild erscheinen, lasse ich Milan Matull von den TwoAntennas, die den IT-Support der Tagung besorgen, das Surfen übernehmen – ohne vorherige Absprachen:

In den Online-Shortcuts findet sich eine interessante Diskussion zu diesem Experiment: Kritisiert wird, dass diese Form des Mitsurfens dazu tendiert, einen hegemonialen Diskurs abzubilden, weil der schnelle Zugriff auf Online-Archive mehr oder weniger zwangsläufig Einträge aktualisiert, die ohnehin häufig aktualisiert werden – siehe zum Beispiel den Online-Shortcuts-Beitrag von Stefan Münte-Goussar (oben).
In meinem Beitrag selbst geht es auch um die neue Rekursivität von Vortrag und Archiv, die durch Online-Vortragsarchive entsteht. In welchem Zusammenhang steht sie eigentlich zu dem, was man die Verflüssigung von (Online-)Archiven genannt hat? „Archive in Bewegung“ ist der Titel, unter den Monika Fleischmann und Wolfgang Strauss von Netzspannung ihren Beitrag stellen. Es wird deutlich: Der Vortrag ist Schauplatz dieser Bewegung, dieser Verflüssigung. Doch inwiefern wird er zugleich von ihr erfasst?
Monika Fleischmann und Wolfgang Strauss schrieben mir im Nachtrag zum Kolloquium:
“Solche Experimente sind immer interessant – manchmal auch besonders erst rückwirkend!
Hier übrigens eine kurze Dokumentation und das Feedback auf eines
unserer ähnlichen Experimente von 1999:
Memoria Futura – i2tv
und ein vergleichbares Blue Box Setting – mit “Performance Vortrag”:
Virtual Striptease.”

Die Tagung endete am Abend des zweiten Tages mit einem performativen Experiment von Joshua Sofaer: Es handelte sich um die Simulation einer netzgesteuerten interativen Vortragsperformance. In meinem nächsten Blog-Beitrag werde ich auf dieses Experiment näher eingehen, um daran anschließend die praktischen Experimente in Sachen Online-Lectures vorzustellen, die nun – nach Durchführung des Kolloquiums – die zweite Phase meines Forschungsprojekts wesentlich prägen werden.

Hier abschließend noch die Online-Shortcuts-Beiträge von Armin Chodzinski (Analysen zur Bildpraxis), Ulrike Bergermann (“Moments of Bliss”), Boris Traue (Wiederkehr des Körpers) und Ramon Reichert (Selbst-Bekenntnis):

Online Shortcuts: Armin Chodzinski from Two Antennas on Vimeo.

Online Shortcuts: Ulrike Bergermann from Two Antennas on Vimeo.

Online Shortcuts: Ramon Reichert from Two Antennas on Vimeo.

Leave a Reply