Neue PowerPoint-Debatte in der SZ

Zum Jahreswechsel hatte ich mir Zeit genommen, um an meinem Buch “Der Vortrag als Performance” zu arbeiten. Da ereilte mich eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung, ob ich etwas zur neu entfachten PowerPoint-Debatte beitragen möchte. Hier mein Artikel, der am 28.12.2009 unter der Überschrift “Wir Schauspieler” in etwas gekürzter Form in der SZ erschienen ist. Die darin besprochenen Beispiele sind natürlich im Netz auch anzusehen!

Performances des Wissens

Was ist ein ‚presenter’? Laut englisch/deutschem Wörterbuch kommt da einiges in Frage: ein Geber, ein Ansager, ein Moderator, ein Präsentator eben. Auf Wikipedia (deutsch) findet sich dagegen ausschließlich folgende Bedeutung: „Ein Presenter (Engl. to present … präsentieren) ist eine Fernbedienung zur Steuerung eines PCs während eines Vortrages. Er wird meist benützt, um eine mit einem Beamer gezeigte Computerpräsentation wie Powerpoint zu steuern…“ Vom Präsentator zum Schalter – mit PowerPoint?

PowerPoint scheint weiterhin zu polarisieren – dies zeigen auch die jüngsten Beiträge von Thomas Steinfeld und Henning Lobin in dieser Zeitung: Das allgegenwärtige Präsentations-Programm, so Steinfeld, sei ein „Instrument, dessen Formalismen dem Totalitarismus einer ökonomischen Weltanschauung entsprechen“ und solchermaßen am Untergang der abendländischen Redekultur mitschuldig. Der Linguist Lobin hält – im Rekurs auf die Soziologen Knoblauch und Schnettler – dagegen, PowerPoint sei das „vereinfachte Basis-Idiom der Wissensgesellschaft“ und diene einem wachsenden Bedarf vor allem in gesellschaftlichen Bereichen, die die Verfechter klassisch-elitärer Vortragskultur notorisch nicht auf dem Schirm hätten.

An PowerPoint kristallisiert sich eine auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklung: Der Aufstieg der so genannten Wissensgesellschaft entmachtet zuweilen gerade die traditionellen Hohepriester des Wissens. Der klassische wissenschaftliche Vortrag ist heute nicht mehr das maßgebliche Modell für Wissenspräsentationen. Das Diktum “It’s not your presentation. It’s your presentation of a PowerPoint presentation” zeugt von einem Gefühl der Enteignung, das aus wissenschaftlicher Perspektive durchaus den Tatsachen entspricht: Im Boom der Wissensgesellschaft fällt das überkommene Monopol der Wissenschaften auf Erkenntnis. Dabei verändert sich allerdings zugleich das, was uns als Wissen gilt. Lyotard prognostizierte bereits 1980: Wissen wird performativ. Es legitimiert sich nicht mehr in erster Linie durch die Verfahren seiner Entstehung, sondern im Verweis auf sichtbare Leistung, Wirkung, ‚high performance’.

Die PowerPoint-Präsentation ist ein Schauplatz dieses Umbruchs, und bietet als solcher nicht nur die Möglichkeit, die Entwicklung en detail zu untersuchen, sondern womöglich auch die Chance, en detail zu intervenieren. Kommen wir also zurück zum Detail, zum Presenter: Tatsächlich, in der Welt von PowerPoint ist der Presenter nicht mehr der Vortragende, sondern ein Schalter. Im Augenblick des Schaltens verbindet er zwei Präsentationen: meine und die im Rechner bzw. auf dem Schirm. Presenter heißt der Schalter, weil dabei immer zweierlei geschieht: Der Vortragende präsentiert seine Präsentation, zugleich präsentiert die Präsentation umgekehrt aber auch den Vortrag. Betritt der Vortragende die Szene, betitelt die Präsentation mittels der ersten Folie bereits seinen Auftritt. Mit jedem Klick präsentieren sich im Folgenden Rede und Folie wechselseitig.

Dass hier das eigentliche Skandalon der Präsentation liegt, daran lassen Virtuosen des Genres (doch, es gibt sie) keinen Zweifel. PowerPoint-Stars wie Lawrence Lessig oder Dick Hardt machen es nicht unter 20 Folien pro Minute. Rede und Folie geben sich wechselseitig einen frenetischen Takt an. Manchmal zeigt die Folie dabei nichts anderes, als das soeben gesprochene Wort, zum Beispiel „start“ oder „never“. Inszeniert wird so das Jetzt des Präsentierens im Moment des Klicks. Mit der vielgescholtenen Redundanz von Folie und Rede hat das nichts zu tun. Hier geht es nicht um Bullet Points. In dieser Hinsicht ist auch die Forschung ein gutes Stück weitergekommen: Kennzeichnend für ‚PowerPoint’-Präsentationen ist entgegen der landläufigen Meinung, dass im Vorhinein nicht festgelegt ist, wie Sagen und Zeigen zueinander stehen – weder durch Software, noch durch Konvention. Wie sich Rede/Aktion und Folie zueinander verhalten und was dabei jeweils die Szene der Präsentation insgesamt dominiert, steht bei jedem Klick erneut in Frage. Und vielleicht besteht die hohe Kunst des Präsentierens genau darin, dieses Verhältnis so virtuos zu variieren, dass wir überrascht sind, was sich zwischen Sagen und Zeigen alles ereignen kann.

Dick Hardt beginnt seine berühmte Präsentation ‚Identity 2.0’ mit einer Vorstellung seiner Person. Er zeigt eine schnelle Serie von Logos, Karten, Fotos, Worten, die der Rede auf den ersten Blick nichts hinzufügen und doch seriell anzeigen, in welchen konkreten Formen uns Identität heute (beim Googlen) entgegenkommt. Im wechselseitigen Verweis von Folie und Rede wird Hardts Performance schließlich selbst zu einem schlagenden Beispiel dessen, wovon unter dem Stichwort ‚Identity 2.0’ die Rede ist.

Müssen wir auf der Bühne der Präsentation also alle zu perfekten Performern werden? Aus der Perspektive der Performance Studies verbirgt sich in dieser Annahme ein grundlegendes Missverständnis: Anders als uns das ökonomisch geprägte Konzept von Performance weismachen will, ist ein Performer gerade kein Souverän, der die Szene beherrscht. Er ist vielmehr Teil einer Szene; in seiner Performance zeigt sich grundsätzlich mehr und anderes, als gezeigt werden soll. Das gilt auch für die PowerPoint-Performance: Sie wird nicht nur vorgeführt, sondern führt immer auch vor –im Zweifelsfall den Vortragenden. Dies ist die Crux: PowerPoint verspricht die Beherrschung aller Mittel und öffnet dabei doch zugleich eine Szene, auf der der Vortragende zwangsläufig zur Figur wird. Eine Steilvorlage für Kritik, die um so boshafter ausfällt, je weniger sie diesen Wesenszug von ‚Performance’ reflektiert.

Das ambivalente Potential von PowerPoint als Performance des Wissens wird dabei schnell übersehen:
Einerseits dient sich die doppelte Struktur der Präsentation durchaus einem ökonomischen Kalkül an. Denn sie ermöglicht, Wissen zu vermitteln und zugleich die Wirkung dieses Wissens in der Performance des Präsentierens selbst in Szene zu setzen. Der Extremfall dieser Präsentationsform ist der ‚Motivational Trainer’, der die positive Wirkung des von ihm vermittelten Erfolgswissens im Erfolg seines Auftritts selbst zu beglaubigen sucht.
Andererseits kann die Präsentation der Präsentation, gerade weil sich in ihr mehr und anderes zeigt, als gezeigt werden soll, auch als experimentelles Szenario verstanden werden. Darin liegt eine Chance, auf die aus der Perspektive der Performance Studies nicht häufig genug hingewiesen werden kann: Bislang galten Forschung und Vermittlung in der Welt des Wissens als getrennt, die Forschung als primär, die Vermittlung als sekundär. Begreift man die Präsentation von Wissen jedoch als Performance, wird sichtbar, welchen Anteil sie an der Entstehung von Wissen hat. Und damit wird die Performance des Wissens potentiell zum Forschungslabor.

Wie das aussehen kann, zeigen beispielsweise die Lecture-Performances des Humangeographen und Künstlers Armin Chodzinski. In seiner jüngsten Arbeit „How to succeed in buisness with…lecture“ agiert er in einem von PowerPoint-Folien definierten, virtuellen Bühnenraum, der es ihm erlaubt, seine Sprecherposition im Wechsel von Analyse und Selbstversuch in Frage zu stellen. Welche Rolle spielt die Inszenierung der Person in der ökonomisch-geprägten Präsentation von heute? Um das zu klären, seziert Chodzinski nicht nur Performances von Dick Hardt und Kollegen. Die Zuschauer sind zugleich eingeladen zu beobachten, inwiefern Chodzinskis eigene Performance den untersuchten Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Die Präsentation wird zur Teststrecke: Per Karaoke-Auftritt legt Chodzinski schließlich am eigenen Leibe das ‚Sehnsuchtsmoment’ offen, das die ökonomische Inszenierung des Ichs antreibt, und macht uns damit zu Zeugen eines Fluchtversuchs mit offenem Ausgang.

(für das Video siehe die Dokumentation der Tagung “Die Performance der Lecture im Netz” in diesem Blog / scroll down)

PowerPoint-Präsentationen wie diese machen bereits von der Erkenntnis Gebrauch, dass wir es hier nicht nur mit der Vermittlung gegebenen Wissens zu tun haben – sei sie gelungen oder nicht, sondern mit einem experimentellen Szenario, in dem zwischen Sagen und Zeigen, Sehen und Hören Wissen entsteht. So verstanden kann die PowerPoint-Präsentation am Ende mühelos an beste Traditionen rhetorischer Hochkultur anschließen. Denn auch für diese Performance des Wissens ist geltend zu machen, was Wilhelm von Humboldt bereits 1809 über jene Art des Vortrags sagte, die damals für die Einheit von Forschung und Lehre einstehen sollte: „Es wäre unbegreiflich, wenn man nicht hier, sogar oft, auf Entdeckungen stoßen sollte.“

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