Online-Vorträge im Thalia Theater

Vergangene Woche hat der aus der Kooperation zwischen meinem Forschungsprojekt über Online-Vorträge, der geheimagentur und den TwoAntennas entstandene Abend im Thalia Theater Hamburg stattgefunden – vor überfülltem Saal mit über 100 Gästen und nicht weniger als 12, teilweise spontan aus dem Publikum sich meldenden Mitwirkenden.

Das konzeptionelle Spiel des Abends bestand darin, dass geheimagentur, Gäste und Publikum gemeinsam das virtuelle Vorlesungsverzeichnis einer fiktiven Bildungsanstalt, nämlich der „Abendschule der Verschwendung“, produzierten, das nun als Website mit diversen Videopräsentationen im Netz steht.

Im Rahmen von insgesamt 12 Kurzpräsentationen wurden Veranstaltungen angekündigt, die im Lehrplan einer solchen Institution nicht fehlen sollten. Thematisch wurde dabei das Thema der sich verändernden Wissensökonomien in Zeiten der Digitalisierung in den Fokus genommen. Das Spektrum der Beiträge erstreckte sich vom digitalen Aktivismus im sozialen Netzwerk (Mercedes Bunz), über Müßiggängerei bis zu absurden Online-Archiven, in denen Fotos von Plastikstühlen aus aller Welt gesammelt werden.

Aus der Perspektive des Forschungsprojekts war insbesondere das Produktions-Setup von Interesse, denn der szenische Rahmen erzeugte eine spezielle Ambivalenz: Es sollten Online-Vorträge aufgezeichnet werden und zwar so, dass dies auch für die Live-Situation der Aufnahme, also für ein Live-Publikum, von Interesse wäre. Bislang sind Online-Vorträge dagegen meist recht eindeutig danach zu differenzieren, ob sie für die Live-Situation gehalten und dann in zweiter Linie aufgezeichnet werden, ob sie also Dokument der Live-Situation sind, oder ob sie andererseits, zum Beispiel in Form eines Video-Blogbeitrags, speziell für das Netz produziert werden.

In der Abendschule der Verschwendung entstand ein Zwitter. Technisch fand dies im Einsatz von Greenscreen-Technik gekoppelt mit Live-Internet-Surfen eine Umsetzung.
Stellen sich Vortragende in einen Greenscreen, ist es möglich, sie nach dem Modell des Wetterberichts vor beziehungsweise in ihrer Präsentation abzubilden. Der Sprecher wird also per Videotrick in das Bild gebracht, das er zeigt und kann mittels Monitor auch mit den Bildern interagieren, die seine Vortragsperformance rahmen und ihn im Zuge dieser Interaktion selbst zu einem Element des Gezeigten machen.

Im Falle der Abendschule der Verschwendung wurden die Vortragenden jeweils vor bzw. in den von ihnen präsentierten Web-Inhalten gezeigt und zusätzlich durch eine analoge grafische Ebene der Darstellung zu diesen Web-Inhalten in Beziehung gesetzt. Besonders interessant: Auch spontan nahmen einzelne Zuschauer die Möglichkeiten, die dieses technische Setup bot, für eigene Kurzpräsentationen in Anspruch.

Die Greenscreen-Technik greift wesentlich in den Aufbau des Live-Vortragsszenarios ein und schafft zwei Bühnen: Die Greenscreen-Bühne, in der das Publikum hell erleuchtet nur die Person des Vortragenden ohne alle Hilfsmittel sieht, und den Screen, den Projektionsschirm, auf dem quasi als kollektiver Vorschaumonitor das Bild erscheint, das später auf der Website zu sehen sein wird. Der Greenscreen hebt den Vortragenden also hervor und markiert zugleich einen Nicht-Ort, der unübersehbar auf den virtuellen Raum verweist, in dem der Vortrag als Präsentation seinerseits präsentiert wird. Einen Online-Vortrag im Greenscreen vor Live-Publikum zu halten, verwandelt das Vortragsszenario selbst potentiell in eine Making-of-Situation, die das Publikum einschließt.

Das Szenario wurde durch Feedback-Möglichkeiten wesentlich ergänzt: Dank einer Software, die vom Interactive-Science-Projekt über wissenschaftliche Präsentation, insbesondere von Philipp Niemann und Hans-Jürgen Bucher bereit gestellt wurde, konnte das Publikum per SMS Kommentare abgeben, die als eine Art Motto über der Greenscreen-Bühne projiziert wurden.

Die aus dem Konzept erwachsenen technischen Anforderungen und die dadurch ziemlich komplexe Einrichtung der Live-Situation waren eine Herausforderung, die uns an Grenzen führte - wie unter experimentellen Bedingungen nicht anders zu erwarten. Leider gab es dadurch auch bittere Datenverluste. In jedem Fall ergeben sich aus den Erfahrungen dieses Projekts viel versprechende neue Möglichkeiten für die praktische Forschung auch im Hinblick auf das Kolloquium im Oktober.

Leave a Reply